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«Ich las immer allein»91 Jahre, Arzt und Zionist: Daniel Brunner über Thomas Mann, Wien, Deutschland und eine seltsame Liebesbeziehung
Es hatte sich mit den Wochen und Monaten zu einem Ritual entwickelt. Der alte Mann empfing mich jeden Mittwoch zur Mittagsstunde in seiner Wohnung in Ramat-Aviv im Norden Tel Avivs. Die philippinische Pflegerin reichte zu Beginn der Treffen stets Kaffee, Kekse und ein Glas kaltes Wasser. Meist entwickelte sich ein kurzes Gespräch über Aktualia und Politik, in Hebräisch. Nicht selten stellte der Alte Fragen über das Leben in Deutschland, auch in der verflossenen DDR. Das Hauptaugenmerk der Treffen aber lag im Lesen deutschsprachiger Literatur: Belletristik, Philosophie, auch ein wenig Geschichte. Thomas Manns «Doktor Faustus» wollte er unbedingt noch einmal gelesen haben. Brennend interessierte ihn dabei die Frage, wie der größte deutsche Literat seiner Zeit die Zerstörung jüdischen Lebens in Europa reflektierte. Das Buch blieb eine Antwort schuldig. Aber der Genuss an Manns Sprache blieb. «Sag mir», fragte mich der Alte des Öfteren, «gibt es heute einen deutschen Autor, der noch so schreibt?» Daniel Brunner ist fleischgewordene Geschichte des mitteleuropäischen Judentums im 20. Jahrhundert. Wiener Jude, Arzt, Intellektueller, Zionist, Kibbutznik, Städter, Forscher, Urgroßvater. Heute ist für den Einundneunzigjährigen der große, blaue Sessel im Wohnzimmer seines geräumigen Appartments im Norden Tel Avis der Lebensmittelpunkt. Daneben, auf der flachen Kommode, stehen die Stereoanlage und die Hörbüchersammlung. Seit gut einem Jahr sind Brunners Augen zu schwach. So bleiben die Hunderte von Büchern auf Deutsch, Englisch und Hebräisch in den zimmerwandhohen Bücherschränken unberührt. Und so konnte es noch einmal zu einer Begegnung des Juden der Holocaustgeneration mit einem Deutschen der Nachkriegszeit kommen. Die erste Annäherung für Brunner mit einem «Nachkriegsdeutschen».
«Die katholischen Kinder gingen zum Religionsunterricht, wir jüdischen ins Kino» Brunner wurde am 29. Dezember 1915 - der Erste Weltkrieg tobte über Europa - in Wien unter dem damals auch unter Juden populären Vornamen Adolf geboren. Seine Eltern stammten aus dem Burgenland und Niederösterreich und verstanden sich als assimilierte Juden in der Habsburger Metropole. Der Vater führte eine kleine Druckerei, die Mutter war Hausfrau und zog die beiden Söhne groß. Eine typische kleinbürgerliche Familie im Wien des frühen 20. Jahrhunderts. Verbindungen zur jüdischen Religion und Kultur hatte die Familie fast keine. So ging der junge Adolf auch in eine staatliche Schule, die Schubertschule im 9. Bezirk, wo Katholiken und Juden jeweils die Hälfte der Schüler ausmachten. Jüdischen Religionsunterricht gab es so gut wie keinen. Brunner erinnert sich: «Der Rabbiner tat alles, um uns jüdischen Schülern die Religion zu vermiesen. Die katholischen Kinder gingen zum Religionsunterricht und wir jüdischen Kinder ins Kino.» Fast jeder Dritte Wiener war damals Jude. Antisemitismus von Seiten der nicht-jüdischen Bevölkerung Wiens habe er als Kind nicht verspürt. Diesen erfuhr Brunner erst während seines Studiums an der Universität, als katholische Studenten in den Gängen schrien: «Deutschland erwache! Jude verrecke!» Auf der anderen Seite ärgerte sich Brunner schon als Kind über die herrschende Abneigung der Wiener Juden gegenüber den später zugezogenen «Ostjuden» aus Rumänien und Polen und über die klare Trennung, die zwischen den Gruppierungen vollzogen wurde. «Ich bin zwar in Wien aufgewachsen», fasst Brunner seine Kindheitsjahre zusammen, «aber ich habe immer gefühlt, dass ich nicht hierher gehöre.» Im Jahr 1931 nahm der blutjunge Adolf Brunner sein Studium der Medizin auf. Als Hitler in Deutschland an die Macht kam, stand er gerade im Seziersaal. Hitlers «Mein Kampf» hatte er bis dahin schon gelesen. Das Buch war zu der Zeit in Österreich offiziell verboten. Brunner: «Aber in meiner Klasse waren schon alle, außer den Juden natürlich, illegale Nazis. Und einer von denen gab mir das Buch zu lesen.» Brunner glaubte nach der Lektüre, dass Hitler seinen Worten Taten folgen lassen wollte. Er begab sich auf die Suche nach seiner Identität und fand eine Antwort für sich in Josef Kasteins «Eine Geschichte der Juden». Das 1931 erschiene Buch zeichnete eine nationale Geschichte des jüdischen Volkes auf. Die Vision auch bei Kastein hieß: Eretz Israel. Brunner trat wenig später bei den österreichischen Pfadfindern aus und schloss sich einer kleinen Gruppe jüdischer Pfadfinder an - den «Ze'irenu» (Unsere Jugend). Dieser Entschluss sollte entscheidenen Einfluss auf Brunners weiteres Leben haben.
«Dolfi war für uns der Guru», sagt Ari Rath In der zionistischen Jugend machte Brunner schnell Karriere. Zwischen 1936 und 1939 stand sein Name als Synonym für die jüdische Jugendbewegung in Wien. Ab Frühjahr 1938, nach dem Anschluss Österreichs, dann schon bei dem größeren «Makkabi Ha-Tsair», dem «Jungen Makkabäer». «Die deutschen und die österreichischen zionistischen Jugendbewegungen machten einen großen Eindruck auf die jungen Juden, so auch auf mich», erinnert sich Brunner. Neuhebräisch und Landwirtschaft waren Hauptlernziele. Brunner eignete sich das erste Grundwissen der hebräischen Sprache noch allein an. «Es gab in Wien eine berühmte jüdische Lehranstalt, das Chajes-Gymnasium, dort lernten viele meiner Freunde Hebräisch», erinnert sich Brunner. «Aber ich, an einer jüdischen Schule? Das war für meine Eltern so ungefähr als ob ich Chinesisch lernen würde.» Ari Rath, 81, ehemaliger Chefredakteur der englischsprachigen «Jerusalem Post», erinnert sich an den jungen Brunner in der zionistischen Jugendbewegung: «Dolfi, so nannten wir ihn damals alle, war für uns alle der Guru. Wenn er sprach, waren alle hypnotisiert. Außerdem trug er immer so markante Brillen.» Spätestens nach dem Anschluss Österreichs musste Brunner nicht mehr viel Überzeugungsarbeit unter den jungen Wiener Juden leisten. Die Wiener Polizei trug ab dem 12. März 1938 das Hakenkreuz am Arm. Hunderte junger Juden trafen sich da schon regelmäßig beim Makkabi Ha-Tsair in der Oberdonaustraße. Rath: «Wir saßen jeden Freitagabend zusammen und feierten Kabbalat Schabbat. Gemeinsam sangen wir und träumten von Eretz Israel.» Auch der erste Botschafter Israels in Deutschland, Ascher Ben-Natan, erinnert sich an Brunners Rolle in der zionistischen Jugendbewegung in Wien. «Wir Jüngeren bekamen von ihm viele Informationen und Bildung. Dolfi war eine sehr optimistische Gestalt. Alle liebten ihn.» Ben-Natan und Brunner sind bis heute gute Freunde geblieben. Der Ex-Botschafter besucht seinen alten Lehrer noch regelmäßig.
Hans Eppinger und das Gesetz der paradoxen Optik Außer als glühender Zionist machte sich der dann 22-jährige Adolf Brunner auch als jüngster Arzt in Wien einen Namen. In Österreich durfte er jedoch nach dem Anschluss nicht mehr praktizieren. Als Brunner sein Diplom abholte, musste er eine Klausel unterschreiben, wonach er darauf verzichte, in Deutschland seinen Beruf auszuüben. Darauf erwiderte Brunner stolz: «Das unterschreibe ich gern!» Brunner lernte und arbeitete zuvor noch als einer von zwei Juden unter dem berühmten Wiener Internist Hans Eppinger Jr. (1879-1946), dem damals vielleicht bekanntesten Arzt Europas. Eppingers Skrupellosigkeit und Unmenschlichkeit bei medizinischen Versuchen mit KZ-Insassen während des Holocaust sah Brunner bereits bei dessen erster Zusammenarbeit voraus: «Nach zwei Monaten war für mich die Sache klar: Eppinger wird den Sprung vom Versuch an Meerschweinchen zum Menschen machen, weil das Material billiger ist. Seit diesem Augenblick habe ich für mich eine Universalregel entwickelt. Ich nenne es das Gesetz von der paradoxen Optik: Große Menschen werden umso kleiner, je mehr man sich ihnen nähert.» Eppinger beging 1946 Selbstmord, bevor er vorm Nürnberger Gericht als Kriegsverbrecher verurteilt werden konnte. Als Brunner im Frühjahr 1938 in Eppingers Krankenhaus kam, um sich zu verabschieden, wendete sich dieser mit den Worten an den jungen Wiener Juden: «Herr Kandidat, sie wissen doch, das Ganze ist doch nicht persönlich gemeint.» «Ich sagte», weiß Brunner bis auf den heutigen Tag den genauen Wortlaut und zitiert in reinstem Wienerisch: «Für mich ist es persönlich gemeint.» Eppinger stellte Brunner später das beste Arbeitszeugnis aus, das dieser je in seinem Leben bekam. Zu dieser Zeit hatte Brunner Palästina schon zwei Mal besucht. Nach Erlangung seines Diploms widmete er nun all seine Energie der Hilfe bei der Auswanderung mitteleuropäischer Juden ins Gelobte Land. Zunächst war Brunner in der Jugendalijah aktiv und verhalf hunderten jungen Wiener Juden zur Ausreise. In den Jahren 1938 und 1939 galten jedoch strenge Einwanderungsbedingungen nach Palästina seitens der Britischen Mandatsregierung. Nur 150 Zertifikate wurden pro Monat ausgestellt. Ruth Alon, die als 14-jährige zum Makkabi Ha-Tsair in Wien stieß, lebt heute im Kibbutz Beit Ha-Schita bei Afula. Alon betont Brunners Rolle bei der Jugendalijah. Sie selbst konnte so noch im November 1939, also schon während des Krieges, nach Palästina ausreisen: «Als 24-jähriger rettete Dolfi damals das Leben von Hunderten. Er hat dabei sein eigenes Leben aufs Spiel gesetzt.»
Ein Gespräch mit Adolf Eichmann «Alles ist Zufall.» Mit diesen Worten begegnet Brunner der Frage nach seiner Rolle bei der Rettung von Tausenden von Juden. Bis 1942, zum Zeitpunkt der Wannsee-Konferenz und dem Beschluss zur «Endlösung», hielt er sich immer wieder in Nazi-Deutschland, Österreich und der Tschechoslowakei auf, um Juden herauszuhelfen. Mit Hilfe der Jewish Agency wurden sie mit der «Alija Bet», der illegalen Einwanderung, nach Palästina geschleust. Brunner war ständig auf der Flucht vor der Gestapo. Über seine Furcht und Einzelheiten seiner Tätigkeit möchte er jedoch nicht sprechen. Brunner traf in dieser Zeit auch den damaligen Gauleiter für Wien, Adolf Eichmann. An die Worte des Gespräches mit Eichmann kann er sich bis heute erinnern: «Eichmann sagte, er habe dem Führer versprochen, Wien judenrein zu machen. Zur gleichen Zeit konnte ich sagen: Mein Herr, wunderbar, wir machen das gemeinsam!» Ascher Ben-Natan gibt eine weitere Anekdote vom Zusammentreffen Brunners und Eichmanns preis: «Eichmann wollte wissen, wie der Vorname von Brunners Vater sei. Er erwartete sicherlich einen urjüdischen Namen wie Abraham oder Isaak. Brunner teilte ihm nur trocken mit, dass sein Vater „Alois" hiesse. Eichmann war sich nicht bewußt, wie sehr assimiliert die Juden in Österreich wirklich schon waren.» Eine Erklärung für den Holocaust sucht Brunner noch heute: «Wie die ganze deutsche und österreichische Elite mit Hitler gehen konnte, dass versteh ich nicht. Und wie kann man sich die Wannsee-Konferenz erklären? Da sitzen zwanzig Männer und entscheiden, vom Atlantik bis nach Südafrika alle die zu ermorden, die Juden sind.» Brunner selbst verlor seinen älteren Bruder, seine Eltern konnten gerettet werden. Mit den damals von Europa nach Palästina geflohenen Jugendlichen, wie Ruth Alon, Ari Rath und Ascher Ben-Natan, hat Brunner noch hin und wieder Kontakt. Zu Brunners 80. Geburtstag kamen die alten Freunde aus Wiener Jahren. Brunner: «Mein Name war in den Anfangsjahren in Israel recht bekannt. Für meine Rente hätte ich ob meiner Aktivitäten einige Punkte mehr bekommen können. Ich bin sicher kein Schöngeist und hätte das Geld gebrauchen können. Aber ich habe darauf verzichtet. Es gibt manchmal Dinge, die man nicht mit Geld aufwiegen kann.»
Von «Dolfi» zu Daniel Im Jahr 1942 kam Brunner dann endgültig nach Palästina und schloss sich einer Gruppe von Leuten des Makkabi Ha-Tsair an, die den Kern des Kibbutzes Medurot, heute Dvorat, neben Hadera gelegen, bildete. Er änderte in dieser Zeit auch seinen Vornamen: «Mit dem Namen Adolf konnte ich natürlich nicht in Israel leben!» Den Namen Daniel habe er aus dem einfachen Grunde gewählt, weil er ihm gefallen habe. Seine Frau Tamara, seine Familie und engsten Freunde nennen ihn jedoch weiterhin «Dolfi». Tamara, eine gebürtige Brandenburgerin, hatte er schon 1939 kennengelernt und dann 1942 geehelicht. Er zog daraufhin zu ihr nach Ma'ajan, einem Nachbarkibbutz bei Sichron Ja'akov. «Heute leben wir 67 Jahre zusammen. Das ist viel Zeit.» Brunner schaut dabei verschmitzt. Mit Tamara, die als Kinderbetreuerin arbeitete, zog er drei Kinder groß. Heute ist Brunner neunfacher Großvater und zehnfacher Urgroßvater. «Wir sind ein ganzer Stamm», fügt er stolz hinzu. Ein Enkel aus der ansonsten säkularen, israelischen Familie habe sich dem orthodoxen Judentum zugewandt und wolle jetzt Rabbiner werden. Der Enkel ruft auch häufig beim Großvater an und möchte philosophische und existenzielle Fragen besprechen. «Die Israelis sind ein sehr seltsames Volk», leitet Brunner seine Gedanken zur Religion ein. «Ich frage mich oft: Als Gott die Erde schuf, kannte er da die Naturgesetze? Eine komische Frage, ich weiß. Jemand sagte mir, die Naturgesetze seien ein Teil Gottes. Wie hat Gott aber zum Beispiel das Gravitationsgesetz erfunden? Unsere Welt ist doch eigentlich eine deterministische.» Ab 1946 arbeitete Brunner wieder in seinem erlernten Beruf als Arzt. Auch am Unabhängigkeitskrieg von 1948/49 nahm er als Arzt im Militärlazarett teil. «Wir gründeten damals bei Kfar Giladi, einer Siedlung neben Metulla im Norden des Landes, das erste jüdische Militärkrankenhaus nach fast 2.000 Jahren Unterbrechung, seit Bar Kochba», erzählt Brunner stolz unter Verweis auf Historie und zionistische Ideale. Den Krieg und den Sieg über die Araber bezeichnet Brunner, wie viele seiner Generation, noch heute als ein Wunder. Eine Erklärung für den militärischen Erfolg möchte er nicht geben: «Alles ist Zufall.»
«Wien - Eine schöne Stadt, aber eine schreckliche Bevölkerung» In den Folgejahren arbeitete Brunner dann im neuerrichteten Krankenhaus «Wolffsohn» in Holon und am Forschungsinstitut in Tel Ha-Schomer. Ein Forschungsinstitut der Universität Tel Aviv wurde anlässlich Brunners 90. Geburtstag mit seinem Namen versehen: «Brunner-Institute of Cardiovascular Research». Er selbst hatte sich der Forschung im Bereich Herzkrankheiten gewidmet und war viel auf internationalen Konferenzen und Vorträgen im Ausland. «Durch meine vielen Reisen kenne ich wahrscheinlich die USA besser als so mancher US-Amerikaner», lächelt Brunner. Ein wissenschaftlicher Kongress Mitte der fünfziger Jahre führte ihn dann das erste Mal nach dem Krieg nach Deutschland, wo er in Heidelberg deutsche Professoren und Forscher aus seiner Generation traf. «Ich verstehe die Deutschen nicht», meint Brunner über seine Eindrücke im Nachkriegsdeutschland. Er hustet stark und macht eine kleine Pause: «Das waren so sympathische Leute, so sympathisch, dass es mich schon wieder nervte.» Und er resümiert für sich: «Die Deutschen verstanden ja selbst nicht, was mit ihnen passiert ist.» Für seine einstige Heimatstadt Wien hat Adolf Brunner heute noch harte Worte: «Eine schöne Stadt, aber eine schreckliche Bevölkerung. Sie haben den Antisemitismus erfunden. Die Jahre der Performation Hitlers waren in Wien. Dort wirkten die antisemitischen Ideologen Schönerer und Lueger.» Brunner weiter: «Wer einmal im Leben gesehen hat, wie alte jüdische Frauen mit Zahnbürsten die Straßen reinigen mussten und die Nachbarn dabei drumherum stehen und lachen, der vergisst dieses Bild nie wieder. Ich hab in meinem Kopf viele solcher unbeschreibbaren Bilder und Geschichten. Aber ich habe mir diese Gedanken beim Aufbau des Staates und mit meinen Forschungen vertrieben.» Das heutige Wien und das aktuelle Deutschland kennt Brunner fast gar nicht. «Ich weiß», fährt er fort, «man kann die Söhne nicht für die Taten ihrer Väter verantwortlich machen. Aber ich bin weiterhin dagegen, dass Juden wieder in Deutschland leben. Ich bin nicht sicher, ob das Gleiche noch mal passieren könnte.» Auf einem Besuch in einem Berliner Krankenhaus gab Brunner einst eine kleine Rede auf die Frage hin, was er jungen Deutschen über das deutsch-jüdische Verhältnis sagen könne. Brunner fasst die damalige Kernaussage zusammen, dabei wechselt er wieder ins Wienerisch: «Die Vergangenheit lässt sich nicht ändern, aber es kann sein, dass nach langer Zeit irgendwie ein neuer Beginn möglich ist.»
Nicht aus Liebe zu Deutschland Brunner war über lange Zeit im «Verband der Juden aus Deutschland», einem philantropischen Verein deutscher und österreichischer Juden in Israel. Er war auch in dessen Vorstand tätig. Als die Mitglieder jedoch anfingen, von der zweiten Generation deutschen Judentums in Israel zu reden, trat Brunner aus dem Verband mit den Worten aus: «Wer braucht das? Die Geschichte des deutschsprachigen Judentums war eine fantastische. Aber sie ist vorbei, zu Ende. Es gibt keinen Grund weiterzumachen.» Doch der deutschen Literatur bleibt Daniel Brunner bis zum heutigen Tag verbunden. «Als Kind und Jugendlicher las ich viele Bücher. Ich liebte Thomas Mann», so Brunner. Nach der Einwanderung nach Palästina versuchte Brunner jedoch nur noch Hebräisch zu lesen. Mit der Geburt der Kinder verständigten sich Daniel und Tamara Brunner zudem darauf, nur noch Hebräisch im Haus zu reden. In den Jahren der Arbeit am Forschungsinstitut beschränkte sich Brunners Lektüre oft auf Fachtexte, hin und wieder auch in deutscher Sprache verfasst. Im Rentenalter, als die Augen noch gut genug waren, schlug Brunner dann wieder vermehrt seine deutschen Bücher auf. «Ich las immer allein», erklärt Brunner. «Nicht wegen einer Liebe zu Deutschland. Wie schon gesagt, ich verstehe die Deutschen nicht.» Brunner macht eine lange Pause. «Ich las Heidegger, ich las Jaspers. Die Liebesbeziehung von Heidegger und Hannah Arendt ist in meinen Augen eine der seltsamsten Geschichten der Welt.» Wie ist er auf die Idee gekommen, sich einen deutschen Studenten zum Vorleser zu suchen? Brunner zögert mit der Antwort und laviert: «Ich wollte Deutsch hören... und deutsche Literatur.» Nietzsche, Heidegger, Karl Popper - den Brunner noch persönlich in den Wiener Jahren kennenlernte - und natürlich Thomas Mann erklangen so in den unzähligen Vorlesestunden. Brunner suchte nie das Licht der Öffentlichkeit, in dem sein Leben widergespiegelt werden würde. Ein Interview für ein österreichisches Filmprojekt lehnte er vor kurzem noch ab: «Ich kann diese Entscheidung nicht rational erklären. Aber 1,5 Millionen ermordete jüdische Kinder kann man nicht vergessen.» Für ein Zeitungsinterview erklärte er sich nach einigem Grübeln und Zögern jedoch bereit. Seine Frau Tamara konnte die Konstellation nicht fassen: «Ein Deutscher schreibt aus Israel für Juden in Deutschland. Jetzt ist ja alles verkehrt.» |