Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Eine faszinierende Studie über den Umgang mit Vielfalt und Fremdheit»
Sergey Lagodinsky über die Wahlen in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, antirussische Ressentiments im Wahlkampf und Joachim Gauck
Herr Lagodinsky, in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin tobt ein Machtkampf zwischen dem abgewählten Vorstand um Lala Süßkind und dem neuen Vorsitzenden Gideon Joffe. Es wird davon gesprochen, dass es sich hier vor allem um die Auseinandersetzung zwischen russischsprachigen Zuwanderern und «Alteingesessenen» handelt. Trifft das zu?
Auch Sie stammen aus der ehemaligen Sowjetunion. War das der Grund, warum Sie nicht zum Gemeindevorsitzenden gewählt wurden? Nein, der Grund war die Briefwahl. Wäre es bei den Stimmen geblieben, die in den Wahlkabinen am Wahlsonntag abgegeben wurden, sähe das Ergebnis anders aus. An den Wahlurnen hatte die Gruppe um Gideon Joffe nämlich nicht mal eine einfache Mehrheit, unsere Gruppe «Schalom» war personell stark vertreten, und ihr Spitzenkandidat war dank Vertrauens zahlreicher Wähler auf Platz eins. Das Ergebnis kehrten hunderte Briefwahlstimmen um, die unerwartet zugunsten aller «Koach»-Mitglieder abgegeben wurden. Erst durch diese Stimmen kam es zu einer Zweidrittelmehrheit für die Gideon Joffe und sein Team. Was da gelaufen ist, vermag ich nicht zu beurteilen. Fakt ist – die heutigen Machtverhältnisse in der Gemeinde haben wir denjenigen Wählern zu verdanken, die am Wahltag nicht mal erschienen sind, sondern entweder per Briefwahl oder gar nicht abgestimmt haben.
Welche antirussischen Ressentiments konnten Sie beobachten? Für mich war dieser Wahlkampf eine faszinierende Studie über den Umgang mit Vielfalt und Fremdheit in unserer jüdischen Gemeinschaft. Einerseits war ich überwältigt vom Ausmaß der Unterstützung, die unsere Gruppe und ich persönlich von verschiedenen Gemeindegruppen erfahren haben. Für die meisten deutsch- oder russischsprachigen Mitglieder spielten die Inhalte, nicht unsere Herkunft die Hauptrolle. Auch meine Spitzenkandidatur hat sehr viel Zuspruch und Unterstützung von zahlreichen etablierten Berliner Familien erhalten. An dieser Stelle gilt allen unseren Unterstützern quer durch alle Herkunftsgruppen ein Riesendank. Andererseits – und das muss leider auch gesagt werden – gab es besonders im letzten Abschnitt des Wahlkampfs eine Reihe von Beispielen für «Wählermobilisierung » und Kampagnenführung seitens deutschsprachiger Mitglieder, die aus meiner Sicht an diskriminierende Hetze, um nicht zu sagen an Rassismus grenzten. So etwa, wenn in Anspielung auf Erfolgsaussichten für angeblich «russischsprachige» Kandidaten ermahnt wurde, dass die Wähler schon mal die Zeitung «Prawda» kaufen sollten oder wenn Russen-freie Empfehlungslisten, wie auch aus der Liste meiner Gruppe «Schalom» unter Ausschluss aller russischstämmigen (!) Kandidatinnen, verbreitet wurden. Dies gilt auch für die Diskussion nach der Wahl. Und hier gilt mein Appell sowohl an den abgedankten Vorstand wie auch an die Berichterstattung: Egal, wie die Wahl ausgegangen ist, gilt auch hier, die Interessen einer Einheitsgemeinde in den Vordergrund zu stellen. Es grenzt an eine rassistische Beleidigung hier von Lukaschenko- oder Putin-Vergleichen zu sprechen. Warum nicht mit Fidel Castro vergleichen? Würde jemand über eine Türkische Gemeinde in Deutschland sprechen und sie ständig mit Erdogan und Kemal-Vergleichen überhäufen, stünde längst ein Vorwurf der Fremdenfeindlichkeit im Raum. Aber hier habe ich den Eindruck, dass viele Gemeindemitglieder denken, dass nur weil sie Juden sind, sie andere Juden auch mal einfach so und nebenbei öffentlich rassistisch angehen dürfen. Dies ist inakzeptabel. Man muss andere Wege finden, Oppositionsarbeit zu machen und die Interessen der Gemeinde bewahren.
Droht der Gemeinde nun die Spaltung? Wenn sich alle Beteiligten darauf besinnen, dass diese Gemeinde unser gemeinsames Anliegen ist, dann könnten wir eine Spaltung vermeiden. Nur gemeinsam sind wir stark und können auch die Interessen der Berliner Gemeinde effektiv gegenüber dem Land vertreten. Kommt es zur Spaltung wird es Konsequenzen haben, die weder den Bleibenden noch den Gehenden nützt. Leider eskaliert hier die Rhetorik auf beiden Seiten. Aus meiner Sicht macht der jetzige Vorstand um Gideon Joffe dieselben Fehler, wie sie seine Vorgängerin Lala Süsskind zu Anfang ihrer Wahlperiode gemacht hat. Die Zweidrittelmehrheit berauscht ihn und er weigert sich, alle Repräsentanten in die Arbeit einzubeziehen. Er hätte die Chance gehabt, nach einem turbulenten Wahlkampf, die Gemeinde zu einigen, die Fronten zu glätten, den Wahlgegnern die Hand auszustrecken und so die Eskalation zu vermeiden. Dies hat er nicht gemacht. Auf der anderen Seite sehe ich nicht ein, warum eine ehemalige Vorsitzende, die nicht mal zur Wahl angetreten ist, jetzt post Factum gegen den neuen Vorstand hetzen will. Ich glaube, wir müssen uns alle etwas beruhigen und schauen, was der neue Vorstand mit sich bringt. Kritische Beobachtung ist zurzeit unsere beste Option. Opposition – ja, Spaltung – nein. Nun mussten Sie jüngst noch eine weitere Wahlniederlage erleben: Trotz Ihrer «Facebook»-Gruppe «Gauck: Nein, danke» wurde Joachim Gauck nun zum neuen Bundespräsidenten gewählt. Was stört Sie an Joachim Gauck? Zunächst mal betrachte ich den Wahlausgang in der Gemeinde nicht als eine Niederlage. Ich bin mit einem sehr guten Ergebnis in die Repräsentanz gewählt worden. Und ich hoffe, den zahlreichen Wählern, die mir mit überwältigender Mehrheit ihr Vertrauen geschenkt haben durch gute Arbeit als Repräsentant Dank zu zollen. Ich hätte bloß gerne viel mehr gute Kandidatinnen und Kandidaten von unserer Liste in der Repräsentanz gesehen. Denn wir boten mehr Fachkompetenz und Erfahrung in unseren Reihen als jede andere Liste. Was den Bundespräsidenten anbelangt, so hat mich an seiner Kandidatur dreierlei gestört: Das Verfahren, die Inhalte und die Wahrnehmung. Als jemand, der noch in einem Einparteiensystem der Sowjetunion aufgewachsen ist, fühlte ich mich durch die Alternativlosigkeit seiner Kandidatur, durch das abgestimmte Vorgehen aller großen Parteien und deren unkritische Verherrlichung des Kandidaten irritiert. Ich war überrascht, dass gerade die progressiven Parteien, wie die SPD und die Grünen einen Kandidaten mit konservativen Inhalten gegen den Willen der Konservativen mit aller Kraft unterstützt haben. Inhaltlich war der Kandidat Gauck zu viel in der politischen Kaltkriegsrhetorik des 20. Jahrhundert, zu wenig im Vielfaltsbewusstsein unserer Gegenwart verankert. Seine nebulösen Angriffe auf Kapitalismuskritik, seine ambivalente Haltung zum Hetzer Sarrazin, seine ganz spezielle Sichtweise der Geschichte des 20. Jahrhunderts – in allen diesen Punkten sehe ich bisher keine progressiven, keine zukunftsweisenden Inhalte. Schließlich fand ich das fast ausnahmslose Bejubeln des Kandidaten seitens aller Deutschen befremdlich. Ich dachte, wir sind über die Zeiten hinaus, in denen eine charismatische Persönlichkeit kritiklosen und kritikfeindlichen Massenjubel auslösen kann. Anscheinend habe ich mich geirrt.
Geben Sie ihm dennoch eine Chance? Es ist nicht an mir, einem Bundespräsidenten eine Chance zu geben. Es ist an ihm, allen Deutschen – und damit meine ich nicht nur diejenigen, die einen deutschen Pass haben – zu zeigen, dass er mit seinem Wirken den Nerv der Zeit treffen kann, uns allen zeigen kann, dass er nicht nur für seine eigene Vergangenheit, sondern auch für unser aller Zukunft steht.
Zur Person Sergey Lagodinsky, der 1975 in der sowjetischen Stadt Astrachan geboren wurde, kam 1993 nach Deutschland. Er studierte zunächst Rechtswissenschaften an der Universität Göttingen sowie Public Administration an der Harvard University. Er promovierte im Bereich Rechtswissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin und ist Fellow am Global Public Policy Institute und bei der Stiftung Neue Verantwortung. Als Publizist beteiligt er sich seit Jahren mit Kommentaren und Gastbeiträgen in verschiedenen Medien an der Diskussion um die Integration von Migranten. 2007 gehörte Lagodinsky zu den Mitbegründern des «Arbeitskreise jüdischer Sozialdemokraten» in der SPD. Aus Protest gegen das gescheiterte Parteiausschlussverfahren gegen Thilo Sarrazin trat er 2011 aus der SPD aus und den Grünen bei. Bei der jüngsten Wahl in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin trat Lagodinsky, der seit 2008 Präsidiumsmitglied der Berliner Repräsentantenversammlung ist, als Spitzenkandidat Wahlbündnisses «Schalom – Bündnis der Vernuft» an, das sich Gideon Jo es Bündnis «Koach» geschlagen geben musste. JZ |