Der Volksverhetzung nahe

Offener Brief an Renate Künast

 

Von Miriam Magall, Berlin

 

 

Sehr geehrte Frau Künast,

es war schön, dass Sie gestern der Einladung von Chabad folgten, an der Chanukka- Feier vor dem Brandenburger Tor teilzunehmen.

Weniger schön war dagegen Ihre Kurzansprache. Um mich meinerseits kurz zu halten: Frei zitiert, empfahlen Sie den Anwesenden, sich wie Öl zu fühlen und acht Tage lang zu brennen!!!

Mit Verlaub: Zu Chanukka 1942 ist genau das meiner Familie passiert. Mein Vater und meine Tante Rachel – meine Mutter war kurz zuvor gleich nach meiner Geburt verblutet, ohne dass mein Vater, ein Arzt, ihr hätte helfen können – wurden von SSMännern in einer Jagdhütte an der ostpreußisch- polnischen Grenze gefunden. Meine Tante Rachel wurde erst von allen Männern vergewaltigt und anschließend zusammen mit meinem Vater lebendig verbrannt.

Deutsche haben in der Tat viel Erfahrung im Verbrennen von Juden, nicht erst seit dem Holocaust.

Wie können Sie als Abgeordnete im Deutschen Bundestag so etwas auf einer jüdischen Feier vor jüdischen Teilnehmern sagen: acht Tage lang brennen!!!

Ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich öffentlich für Ihre Worte, die einer Volksverhetzung nahe kommen, entschuldigen. Ebenfalls sollten Sie meine Autobiografie «Das Brot der Armut. Die Geschichte eines versteckten jüdischen Kindes» (Lich 2010) erst einmal selbst lesen, um etwas über das Verbrennen von Juden zu erfahren, und dieses Buch danach als Pflichtlektüre aller aktuellen und potenziellen Kandidaten für den Deutschen Bundestag empfehlen, damit nie wieder jemand etwas vergleichbar Unsägliches über die Lippen bringt.

«Jüdische Zeitung», Januar 2012