Listige Juden, gastfreundliche Rumänen

Der Historiker Andrei Oisteanu über die Kulturgeschichte des rumänischen Antisemitismus

 

Das Gespräch führte Silviu Mihai

 

 

Herr Oisteanu, Ihr Buch befasst sich hauptsächlich mit der intellektuellen Geschichte des rumänischen Antisemitismus. Wird sie dem deutschsprachigen Leser bekannt vorkommen?

Ich konzentriere mich tatsächlich auf den rumänischen Fall, allerdings aus einer komparatistischen Perspektive. Im Hintergrund steht immer, was ich «mittelosteuropäisches Jiddisch-Land» nenne. Dieser Großraum kann bis zum Zweiten Weltkrieg fast als eine kulturelle Einheit gesehen werden: Als ein einziger Flickenteppich, der mehrere Jahrhunderte lang die Heimat vieler Juden und Nicht-Juden war und der mit dem Holocaust zerrissen worden ist. Die Ähnlichkeiten zwischen dem rumänischen und dem deutschen oder mitteleuropäischen Antisemitismus sind bedeutender als die Unterschiede. Doch die Charakteristika der rumänischen Gesellschaft, vor allem ihre starke ländliche Prägung und die große Rolle der Religion, spiegeln sich natürlich in einem spezifisch rumänischen Judenbild wider.

 

Was macht dieses spezifische Judenbild aus?

Der Ausgangspunkt meiner Studie ist die rumänische Folklore mit den unterschiedlichen Motiven, die in Legenden und Erzählungen, in der Ikonografie, in christlichen und säkularen Schriften vorkommen. Die Übertragung dieser Elemente ins modernrumänische Kollektivbewusstsein, der Übergang also von einem volkstümlichen, unbewussten und passiven Antisemitismus hin zu einer intellektuellen, politischen, bewussten Ideologie, ist das eigentliche Thema des Buches. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts konkretisiert sich in der rumänischen Kultur ein stereotypisches Porträt des Juden, das auch in den Texten der Nationaldichter und Schriftsteller, wie etwa bei Mihai Eminescu, zu finden ist. Der Jude gilt vor allem als Fremder, weil er nicht in eine bäuerliche Welt passt, deren mittelalterliche Riten zum ersten Mal als unzeitgemäß erscheinen. Die intellektuelle Geschichte des Antisemitismus beginnt in Rumänien mit der Angst der nationalen Bewegung um den Bauern als Symbol und Kern der Nation.

 

Findet sich diese Ablehnung des Urbanen und der Moderne in ähnlicher Form nicht auch in anderen faschistischen und protofaschistischen Ideologien?

Selbstverständlich. Die pauschale Verurteilung der Spekulation, des Kapitalismus, die Kritik der «korrupten» Parteiendemokratie sind – genau wie der alte Gottesmordvorwurf – gemeinsame Motive vieler antisemitischer Traditionen. Aber diese Idealisierung des ländlichen Volksgeistes, ja sogar die Idee, dass das Leben der Bauern das einzig «richtige» Leben ist, spielte etwa bei den deutschen Antisemiten eine weniger prominente Rolle. Und das steht bei vielen rumänischen Autoren in direktem Zusammenhang mit einer ideologischen Instrumentalisierung des christlich-orthodoxen Glaubens. Der rumänische Faschismus der Zwischenkriegszeit kann in dieser Hinsicht als eine Ausnahme im europäischen Kontext betrachtet werden.

 

Hat sich die Orthodoxe Kirche in Rumänien stärker instrumentalisieren lassen als etwa die Katholische Kirche in Italien oder die zwei großen Kirchen in Deutschland?

Die Orthodoxe Kirche in Rumänien vertrat in der Theorie – damals wie heute – eine sehr traditionelle christliche Lehre, also eine «internationalistische» Versöhnungsreligion mit jüdischen Wurzeln, die grundsätzlich keine ethnischen Unterschiede anerkennt. Gleichzeitig aber vertrat sie auch eine große Mehrheit der Bevölkerung, für die die Zugehörigkeit zu dieser Kirche ein konstitutives Element ihrer ethnischen Identität war. In der Geschichte definierten sich die Rumänen oft durch ihre Religion, etwa gegenüber der osmanischen Besatzungsmacht. Die Versuchung einer ethnochristlichen Ideologie lag also nahe, obwohl manches, wie die vermeintliche Minderwertigkeit der ebenfalls orthodoxen Slawen, immer noch nicht zu erklären war. Und in den 1930er und 1940er Jahren war die Orthodoxe Kirche, wie auch in anderen Ländern, eine Art «Staatskirche». Sie pflegte enge Beziehungen mit der Politik und hatte, mehr als heute, ihre eigene Agenda.

 

Sie haben sich viel mit dem Werk des rumänischstämmigen Religionshistorikers Mircea Eliade beschäftigt. Wie erklären Sie sich seinen notorischen Antisemitismus und seine aktive Unterstützung der rumänischen faschistischen Bewegung?

Eliade war meiner Meinung nach fest von der Ideologie der Eisernen Garde überzeugt. Um das zu verstehen, müssen wir eben die Geschichte des rumänischen Antisemitismus verstehen – und die Faszination des Extremismus im Europa der Zwischenkriegszeit. Ich glaube aber, dass sein historisches und wissenschaftliches Werk nur in geringem Maße davon beeinflusst wurden.

 

Spielt das von Ihnen beschriebene Judenbild heute noch eine Rolle?

Laut der Volkszählung aus dem Jahr 1940 lebten damals in Großrumänien 800.000 Juden. Es war die drittgrößte Gemeinde in Europa und die viertgrößte auf der Welt, nach der aus Polen, der aus der Sowjetunion und der aus den USA. Heute gibt es in Rumänien nur noch rund 8.000 Juden, die meisten in fortgeschrittenem Alter. Doch auch wenn es mehr Buddhisten gibt als Juden, wie Adam Michnik einmal mit Bezug auf Polen sagte, meinen viele, immer noch ein «jüdisches Problem» zu haben. Daran lässt sich erkennen, dass das Judenbild viel stärker ist als der reale Jude. Die Abwesenheit der Juden stellte aber für den Antisemitismus nie ein echtes Problem dar – im Gegenteil.

 

Sind diese Vorurteile denn völlig realitätsimmun?

Mein Buch ist eine Studie in Imagologie, mich interessiert also, kurz gesagt, was für ein Bild eine Gemeinschaft von einer anderen Gemeinschaft hat. Dieses Bild besteht aus Stereotypen, die übrigens auch «positiv» sein können, was sie aber nicht unbedingt besser oder weniger gefährlich macht. Der Jude gilt etwa als intelligent, solidarisch, besitzt eine vermeintliche Begabung für Geschäfte, und so weiter. Vereinfachungen und Verallgemeinerungen lassen sich nie komplett vermeiden: Die Christen werden zum Beispiel immer ein gewisses vereinfachtes Bild von den Muslimen haben. Wir können aber mit diesen Stereotypen bewusster umgehen, die Mechanismen des stereotypischen Denkens kennen und erkennen und erkannte Fehler korrigieren.

 

Wird der Antisemitismus genug thematisiert im heutigen Rumänien?

In den letzten zehn Jahren können wir ohne Übertreibung über riesige Fortschritte reden. Der Bericht der von Elie Wiesel geführten Kommission für die Untersuchung des rumänischen Holocausts wurde offiziell anerkannt und angenommen, es wurde ein Institut für weitere, detaillierte Untersuchungen gegründet, der 9. Oktober wurde zum Gedenktag erklärt und es gibt ein Gesetz, das den Antisemitismus und die Leugnung des Holocaust unter Strafe setzt. Der heutige Antisemitismus ist also kein staatlicher Antisemitismus mehr, sondern eher ein Randphänomen in der rumänischen Politik. Seine Überwindung aber ist ein langer Prozess. Sehr wichtig ist der Geschichtsunterricht in der Schule, und es gibt jetzt ein Schulbuch zur Geschichte der Juden und des Holocausts. Unser Zentrum für Jüdische Studien bietet entsprechende Fortbildungen: Wir erklären den Geschichtslehrern, wie sie den Kindern Sachen beibringen sollen, von denen sie selber keine Ahnung haben.

 

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Hintergrund

«Gekrümmte Nase und dicke Lippen», «Schläfenlocken und Sommersprossen », «intelligent, aber listig und feige», «Kaufmann, Wucherer oder Gastwirt»: Historiker Andrei Oisteanu setzt sich auf fast 700 Seiten mit den diversen Klischees der älteren und modernen rumänischen Kultur auseinander. Seine Studie «Konstruktionen des Judenbildes. Rumänische und ostmitteleuropäische Stereotypen des Antisemitismus», deren deutsche Fassung beim Berliner Frank & Timme-Verlag erschienen ist, präsentierte er vor kurzem auf der Frankfurter Buchmesse.

Oisteanus historische Analyse basiert auf jahrelanger Archivforschung unterschiedlichster Quellen: Von Folkloresammlungen, Erzählungen und alten kirchlichen Büchern über politische Reden des 19. Jahrhunderts bis hin zu antisemitischen Pamphleten der 1930er Jahre. Das Ergebnis seiner Methode, die er «ethnische Imagologie» nennt, ist ein Doppelbild. Einerseits wird das stereotypische Porträt des Juden einem «archäologischen» Blick ausgesetzt, der die Genese vieler Klischees in der mittelalterlichen Folklore und Ikonographie entdeckt und ihre Entwicklung und Übertragung in die moderne Kultur verfolgt. Andererseits skizziert das Buch ein detailreiches Bild des rumänischen Antisemitismus auf seinem historischen Weg von einem passiven, unbewussten Thema in alten Volkserzählungen zu einem aktiven, intellektuellen und politischen Diskurs in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Die komparatistische Perspektive des Autors ermöglicht dem deutschsprachigen Leser stets einen Rückbezug auf den vertrauteren Hintergrund der mitteleuropäischen Kultur, lässt ihn aber zahlreiche spezi sch lokale Motive entdecken. So erscheint der rumänische Antisemitismus vor allem in seinen späten Hypostasen viel mehr von religiösen Themen geprägt als etwa sein deutsches Pendant. Oisteanus Buch analysiert in diesem Zusammenhang den Diskurs der intellektuellen Wegbereiter und Anhänger der Eisernen Garde und identi ziert die wichtigsten Elemente ihres christlichorthodoxen mystischen Faschismus.

Die Rolle der orthodoxen Kirche in der rumänischen Zwischenkriegszeit und vor allem während des Zweiten Weltkriegs wird in der Studie aus einer diskursiven und ideologiekritischen Perspektive erörtert. Einer ähnlichen Analyse werden die Schriften führender rumänischer Intellektueller ausgesetzt. Interessant ist die Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit des spätromantischen Nationaldichters Mihai Eminescu (1850-1889), aber auch mit kontroversen Figuren des 20. Jahrhunderts wie dem Religionshistoriker Mircea Eliade oder dem Essayisten Emil Cioran, die nach dem Krieg trotz ihres frühen faschistischen Engagements eine erfolgreiche intellektuelle Karriere in den USA, beziehungsweise in Frankreich gemacht haben. Andrei Oisteanus Buch befasst sich aber auch mit der jüngsten Geschichte des rumänischen Antisemitismus, etwa mit dem Wiederau eben judenfeindlicher Motive in dem politischen und publizistischen Diskurs der 1990er Jahre. «Konstruktionen des Judenbildes» ist eine gründliche, ausgewogene Analyse und hat die Atouts eines Nachschlagewerks.

SM

 

Zur Person

Andrei Oisteanu, Jahrgang 1948, wurde in einer jüdischen Familie in Bukarest geboren und studierte Geisteswissenschaften mit Schwerpunkt Ethnologie. Seine ersten Bücher waren der rumänischen Folklore und Volksmythologie gewidmet. Nach der Wende folgten weitere Studien- und Forschungsaufenthalte in Ungarn, Israel und Deutschland. 2001 promovierte er mit einer Arbeit über das Judenbild in der traditionellen rumänischen Kultur. Diese Arbeit entwickelte sich später zu einer umfassenden Studie, die in mehrere Sprachen übersetzt wurde. Heute ist Oisteanu Dozent am Zentrum für Jüdische Studien der Bukarester Universität und Mitglied der Rumänischen Akademie, wo er das Fachinstitut für die Geschichte der Religionen leitet. Er beschäftigt sich weiterhin mit der Thematik des rumänischen Antisemitismus und mit der Vorgeschichte des rumänischen Holocaust. In seinem Land gilt Oisteanu seit den 1990er Jahren als einer der wichtigsten ö entlichen Intellektuellen und Publizisten.                  

SM

«Jüdische Zeitung», Januar 2012