Täler des Todes

Immer mehr Afrikaner strömen aus dem Sinai nach Israel und riskieren dabei ihr Leben

 

Von Gil Yaron

 

 

Europäer kennen oft nur die frische Meeresbrise an den weißen Stränden, das freundliche Lächeln der Beduinen, die zum gemütlichen Tee in ihre Zelte laden oder den Gebirgstreck zum Katharinenkloster mitten auf der Sinai- Halbinsel. Doch Sigal Rozen, Koordinatorin der israelischen Menschenrechtsorganisation «Hotline für Gastarbeiter», hat vom Urlaubsparadies am Roten Meer ein anderes Bild: «Ganze Täler im Sinai stinken nach Leichen und Verwesung», sagt Rozen. Dutzende, wenn nicht gar hunderte Afrikaner werden hier jährlich auf der Flucht erschossen. Genaue Zahlen über die Todesopfer gibt es nicht. Doch als eine der wenigen Israelis, die sich um die inzwischen mehr als 2.000 afrikanischen Flüchtlinge kümmert, die monatlich aus dem Sinai in den Judenstaat fliehen, erhält Rozen Schreckensberichte aus erster Hand. «Israelische Soldaten berichten von fast täglichen Schießereien jenseits der Grenze», sagt Rozen. In Israel befinden sich bereits mehr als 100 Gräber von Afrikanern, die mit letzter Kraft über die Grenze gelangten. Sie wollten nicht mehr Teil eines umfassenden Erpressungskomplotts sein, aus dem sich kriminelle Banden und islamistische Terroristen im Sinai finanzieren.

  Mehr als 2.000 Flüchtlinge im Monat: Migranten aus Eritrea warten auf der Sinai-Halbinsel darauf, über die ägyptisch-israelische Grenze geschmuggelt zu werden. Foto: Reuters

Zwangsarbeit

Die Geschichten der afrikanischen Flüchtlinge gleichen einander. Habtum und Tsion Gabremadhim heirateten vor drei Jahren in Eritrea. Das junge Paar träumte von einer besseren Zukunft: «Die Lage daheim war nicht gut», sagt die 28 Jahre alte Tsion und wiegt ihren Neugeborenen in ihren Armen. Ein Bericht des US-Außenministeriums aus dem Jahr 2010 spricht in einer deutlicheren Sprache von «außergerichtlichen Tötungen durch Sicherheitskräfte; Folter von Häftlingen ». Der 32 Jahre alte Elektriker Habtum wollte nicht in die Armee, vor allem weil der Wehrdienst in Eritrea von unbegrenzter Dauer ist. Verweigerung kann zum Todesurteil werden. Der amerikanische Bericht erzählt von «willkürlicher Haft von Wehrdienstverweigerern und ihren Angehörigen », manchmal jahrelang. Auch im zivilen Leben sind die Menschen nicht frei. «Die Regierung hat Teil an Zwangsarbeit der Bevölkerung, auch Kinder werden zur Arbeit gezwungen», hält der Bericht fest.

Also entschlossen sich Tsion und Habtum, zu Fuß Richtung Norden aufzubrechen: «Wir wollten nach Italien», sagt Habtum. Fünf Monate wanderten sie im Jahr 2008 durch den Sudan, bis sie an der libyschen Grenze von Soldaten erwischt und in einem Gefängnis in Misrata inhaftiert wurden: «Die Zellen waren überfüllt. Es gab kein sauberes Wasser, keinerlei medizinische Versorgung», erinnert sich Tsion. Wer versuchte zu fliehen, wurde gefoltert. Ein Jahr lang saß Habtum in Haft, bis er und seine Frau abgeschoben werden sollten. Als sie erkannten, dass der Weg nach Italien versperrt war, entschlossen sie sich nach Israel zu gehen: «Ein Schmuggler versprach, uns für 4.000 US-Dollar durch den Sinai nach Israel zu bringen», sagt Habtum. Das Geld zahlte ihre Großfamilie aus der ganzen Welt per Überweisung bei Western Union. Nachdem sie im Oktober 2010 gezahlt hatten, ging es mit dem Ruderboot über den Suezkanal. «Wir waren 17 Personen», erinnert sich Tsion. Danach wurden sie auf Kleinlaster verladen, schließlich gingen sie mehrere Tage zu Fuß. Dann wurde der Weg ins Heilige Land zur Hölle.

 

Vom Urlaubsparadies zur Hölle

«Auf einmal begannen die Schmuggler uns zu schlagen. Sie nahmen uns alles ab, was wir besaßen, und steckten uns in einen Keller. Plötzlich wollten sie zusätzlich 9.200 US-Dollar pro Kopf, um uns über die Grenze zu bringen.» «Das ist der Modus Operandi der Schmuggler», sagt Rozen. «Zu jedem gegebenen Zeitpunkt werden hunderte, wenn nicht tausende Menschen im Sinai festgehalten und suchen nach einer Möglichkeit zur Flucht.» Die Geschichten der Afrikaner ähneln Beschreibungen des Sklavenhandels im 18. Jahrhundert. Der Keller bestand aus zwei Räumen, hatte «weder Fenster noch ein Klo. Wir waren insgesamt 87 Personen, also rund 40 Personen pro Zimmer», erinnert sich Habtum, und seine Augen werden sichtbar rot und feucht. Die Afrikaner wurden aneinander gekettet. Ihre Notdurft mussten sie in einem Loch im Boden verrichten. «Wir bekamen ein Fladenbrot am Tag. Auch die Schwangeren.» Einmal täglich kamen die Beduinen in den Keller, um Druck auf ihre Häftlinge auszuüben: «Sie rufen die Angehörigen an und quälen die Menschen am Telefon, damit das Geld überwiesen wird», sagt Rozen.

Die Beduinen wenden grausame Taktiken an: «Manchmal täuschten sie Hinrichtungen vor. Einmal verlor ich das Bewusstsein, als sie Männer vor meinen Augen zusammenschlugen. Sie zerstampften ihre Gesichter mit ihren Armeestiefeln», sagt Tsion, die zu diesem Zeitpunkt schwanger war. «Ich fiel in Ohnmacht und dachte, mein Fötus sei tot.» «Manchmal kamen sie rein und nahmen sich einfach Frauen mit. Sie kamen nicht wieder. Auch eine verheiratete Frau, die im Keller mit ihrem Mann festsaß, kam nicht wieder», sagt Habtum. «Die Summen, die die Beduinen fordern, werden immer größer. So dauert es länger, bis die Summen aufgebracht werden», berichtet Rozen. Ein neuer Bericht ihrer Organisation vom November erzählt von einer Gruppe von 165 Afrikanern, die derzeit rund 120 Kilometer nördlich von Kairo festgehalten werden. Hier verlangen die Entführer inzwischen 30.000 Dollar pro Kopf. «Jede Nacht kommen die Schmuggler in den Kerker und nehmen die Frauen heraus, um sie zu vergewaltigen. Allein in der vergangenen Woche sollen fünf Menschen durch Elektroschocks getötet worden sein», so der neue Bericht der Hotline. «Die Frauen sind inzwischen oftmals bereits schwanger, wenn sie endlich nach Israel gelangen. Für sie bedeutet das das gesellschaftliche Aus.» Rozen hat bereits aus mehreren Quellen von einer Frau gehört, die angeblich seit Monaten bei Al Arisch festgehalten und täglich vergewaltigt wird: «Sie hat einfach nicht das Geld, um sich freizukaufen», sagt Rozen. Frauen, die nicht zahlen können, bleiben im Gegensatz zu Männern wenigstens am Leben: «Zwei Männer sagten ihnen, dass sie kein Geld und keine Familie haben. Sie wurden vor unseren Augen erschlagen, um die anderen abzuschrecken. Für mich war das der schwerste Augenblick in diesen drei Monaten», erinnert sich Habtum. «Ich dachte, Tsion und ich werden auch dort im Keller sterben.»

 

Glück im Unglück

Beim heute 21 Jahre alten Ibrahim Barry aus Guinea war von Anfang an klar, dass er nicht mehr zahlen konnte. Schließlich war er Vollwaise. Als er ein Jahr alt war, starb sein Vater in Labe an Krebs. Zwölf Jahre später starb Ibrahims Mutter an den Folgen einer Blinddarmentzündung. Ibrahim blieb keine Wahl: Er wuchs fortan auf dem Markt in Labe auf, schlief nachts auf den Ständen, auf denen tagsüber das Obst auslag, das er verkaufte. Später handelte er mit Elektrowaren. Als er 15 war, machte sein Boss ihm ein Angebot: «Er sagte, er würde mich auf seine Kosten nach Israel schicken, weil man dort mehr Geld verdienen kann.» Der Händler gab ihm 500 Dollar und einen Flugschein, der ihn über Conakry und Marokko nach Ägypten brachte. Nach drei Nächten begann die Reise in den Sinai: «Sie luden uns mitten in der Nacht auf einen Kleinlaster, und plötzlich schlug die Atmosphäre um», erinnert sich Ibrahim. «Jalla Jalla! – Los, los!», fauchten die Beduinen sie jetzt an. «Sie rasten durch die Nacht, auf einmal waren sie mit AK-47 Maschinenpistolen bewaffnet.» Auf der Ladefläche saßen jetzt auch Frauen aus den GUS-Staaten, Menschenmaterial für Bordelle in Israel: «Sie hörten nicht auf zu weinen», sagt Ibrahim. Zwei Wochen lang wurde er in einem Zelt festgehalten, und von bewaffneten Jungen bewacht: «Sie gaben uns nur wenig Wasser, das voll mit roten Würmern war.» Nach zwei Wochen ging es endlich weiter nach Israel, wo ein Taxi an der Grenze auf Ibrahim wartete, um ihn zu einem vereinbarten Treffpunkt in Tel Aviv zu bringen.

Hier hatte er Glück: Der Abholer, der ihn in Empfang nehmen und seine Dienste als Billigsklave weiterverkaufen sollte, erschien nicht. Zuerst wusste Ibrahim nicht, was tun: «Ich stand unter Schock. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich geteerte Straßen, Laternen, so viele Autos und so hohe Häuser.» Nachdem er mehrere Stunden gewartet hatte, begann Ibrahims Leben als illegaler Gastarbeiter.

 

Kriminelle Islamisten

Dass der Junge aus Guinea nicht misshandelt oder erpresst wurde, könnte auch daran liegen, dass er Muslim ist. Ein großer Teil der Kriminalität im Sinai ist islamistisch angehaucht: „Den Christen unter uns verbaten sie zu beten“, berichtet Habtum, der seine Ein- Zimmer-Wohnung in Tel Aviv mit Marienikonen geschmückt hat. Außer den 24.000 Eritreern, die bereits nach Israel geflüchtet sind, ließen sich auch rund 8.000 Sudanesen über den Sinai einschmuggeln: «Die zahlen meist nur einmal, weil sie Muslime sind», sagt Rozen. Die Entführer gehen mit ihnen sanfter um: «Oft luden die Beduinen die Sudanesen ein um zuzuschauen, wenn sie Christen zusammenschlugen und ihre Bibeln mit Füßen traten. Die standen dann da und lachten, vielleicht zwangsgedrungen», sagt Habtum. Der Muslim Ibrahim erfuhr aber dennoch Rassismus: «Einmal traten die Ägypter einem Sudanesen ins Gesicht, als der zum Gebet niederkniete. Sie schrien ihn an: Warum betest Du wie ein Muslim Du schwarzer Hund?!», sagt er.

Für Ibrahim ist Israel ein neues Heim. Der Vollwaise wurde zu einem zelebrierten Ausnahmefall. Vor wenigen Jahren wurde er von einem jüdischen Ehepaar adoptiert, der Innenminister gewährte ihm die Staatsbürgerschaft. Heute spricht Ibrahim perfekt Hebräisch, absolviert einen Offizierskurs in der israelischen Armee und träumt davon, zum Judentum überzutreten und Israels Botschafter in Guinea zu werden. Hier nennt er sich Avi. Für das Paar Tsion und Habtum ist das noch ein ferner Traum. Obschon ihr erster Sohn Jeffet Anfang Juli in Tel Aviv geboren wurde, bleibt ihr Status ein Schwebezustand zwischen Illegalität und Duldung. Aussichten für ihre Zukunft gibt es keine. Dennoch sind sie vorerst zufrieden: «Wenigstens schlägt uns hier niemand», sagt Tsion, und stillt ihren kleinen Sohn mit einem seligen Lächeln.

Tsion und Habtum sind von der internationalen Staatengemeinschaft enttäuscht. «Wie können die die Verbrechen im Sinai seit Jahren zulassen?», fragen sie. «Tsion und Habtum haben das Pech, aus einem Staat zu stammen, der sich nicht um sie schert», sagt Rozen. «Im Gegenteil: Er sieht das wahrscheinlich als gerechte Strafe für Deserteuran.» Flüchtlinge munkeln, ihr Heimatland wolle auf diese Weise an die Gelder entflohener Bürger kommen. «Wären die Geiseln Europäer, hätte man diesem Treiben längst ein Ende gesetzt», sagt Rozen.

«Jüdische Zeitung», Januar 2012