Weltweite langfristige Tourismus-Strategie aufgelegt

Brasilianer, Polen, Koreaner und amerikanische Juden im neuen Fokus der israelischen Tourismuswirtschaft

Der israelische Minister für Tourismus, Stas Misezhnikov, bestätigte in einem Gespräch mit der Berliner Tourismusmanagerin Yael Frankfurt für die jüdischen Zeitungen unserer Verlagsgruppe außergewöhnliche Entwicklungen in der Tourismuswirtschaft des Heiligen Landes: 3,5 Millionen Touristen, etwa 14 Prozent mehr als im Jahre 2008, gelten als «Rekord». Der Tourismus brachte damit 33 Milliarden Schekel in den israelischen Staatshaushalt ein. Doch auch die Pläne für 2011, die der Minister auf der Internationalen Tourismus Börse ITB in diesem Monat in Berlin, der größten Tourismusmesse der Welt, detailliert vorstellen wird, seien sehr ambitioniert. Man plane unter anderem eine Öffnung in Richtung neuer Zielmärkte: Nach dem Besuch von Papst Benedikt XVI. in Israel wurde in den katholischen Ländern eine Tourismuskampagne mit dem Slogan «Der Papst war schon in Israel – und Sie?» gestartet und habe große Erfolge gezeigt. Man erwarte daher bedeutende Zuwächse an Touristen etwa aus Brasilien, Polen, Indien oder Südkorea.In naher Zukunft werde man auch große Werbekampagne unter «den Russen» in Deutschland, sowie in den jüdischen Gemeinden der USA starten, so der Minister. Das Interesse der Russischsprachigen liege vor, entsprechende Statistiken überzeugten sein Ministerium von der Richtigkeit der Idee einer solchen Kampagne, da bei weitem nicht alle Reserven in diesen beiden Zielgruppen ausgeschöpft seien. Bislang unzureichende Information sei der Hauptgrund für die bisherige Zurückhaltung russischsprachiger Touristen, obwohl sich in die letzten Jahre, auch mit der Hilfe unserer Zeitung und ihrer russischsprachigen Schwesterzeitung «Еврейская газета» die Situation verbessert habe. Insbesondere sei es nach seinem Amtsantritt gelungen, [der 43-jährige Minister ist in Moskau geboren und im Alter von 13 Jahren nach Israel gekommen – Anm. der Red.], den Verantwortlichen in der israelischen Tourismuswirtschaft zu erklären, inwiefern für sie das «russische Deutschland» wichtig sei. «Ich hoffe, es ist die langfristige Strategie», so Misezhnikov. Informationen an sich seien zu wenig, sie müssten noch bis zum potentiellen Kunden überbracht werden. «Damit beschäftigen wir uns im Moment: wir führen Informationsabende für Reisebüros durch, organisieren mit Unterstützung meines Ministeriums für sie Informationsveranstaltungen zu Israel.Fragen über die Sicherheit des Landes hören ich dabei nicht selten, worauf ich absolut aufrichtig antworten kann, dass Gefahren für Touristen an allen möglichen Plätzen lauern können, aber im Unterschied zu anderen Ländern, werden die Sicherheitsfragen in Israel sehr ernst genommen.»Auf Nachfrage ob bei der israelischen Tourismuswirtschaft noch immer die Meinung vorherrsche, dass nur «politisch korrekte Deutsche» nach Israel kommen würden, bestätigte der Minister ein «besonders aktives Bemühen» auch um Sonderangebote zum Beispiel für orthodoxe Pilger und wiederholte das Engagement seines Ministeriums um russischsprachige Deutsche. «Viele von ihnen sind tief religiös und träumten lebenslang davon, die heiligen Stätten zu besuchen. In letzter Zeit treffe ich bei meinen Reisen häufig mit religiösen Menschen zusammen, die bereits die Heilige Erde besucht haben, zu „heiligen Boten“ geworden sind und jetzt Gruppen anderer Glaubensgenossen für Fahrten nach Israel begeistern. Das ist ein Ergebnis unserer Arbeit, nach dem wir streben.»Da beinahe jeder im Ausland lebende Jude Verwandte oder Bekannte in Israel habe und das Heilige Land mehrmals besuchen würde, vielleicht sogar lange Zeit dort gelebt hatte, bat Yael Frankfurt den Minister um eine ganze persönliche Einschätzung, wie oft man denn in Israel gewesen sein sollte, bis man sagen könne, man kenne das Land. Misezhnikov erwiderte: «Jedes Mal, wenn ich in Israel privat unterwegs bin oder mit einer offiziellen Delegation die Regionen unseres Landes besuche, entdecke ich für mich selbst etwas Neues. Ich denke, dass ein ganzes Leben nicht ausreichen wird, um Israel bis zum Ende kennen zu lernen. Es ändert sich ständig, sogar den Bewohnern gelingt es nicht immer, jede dieser Veränderungen mitzubekommen.»Minister Misezhnikov war bereits 2010 Gast der Internationalen Tourismusbörse ITB. Wir konnten auf der Messe seine ungewöhnlich engen Kontakte in die israelische touristische Infrastruktur beobachten. Frankfurt wollte wissen, ob diese persönliche Ebene eine Art «Verhandlungsstrategie» des Ministers sei. Schmunzelnd – und das tut der Minister zugegebenermaßen selten – bestätigte ihr Misezhnikov, das in der ersten Phase seiner Amtszeit die Zusammenarbeit mit den Tourismusmanagern eng in dem «Verständnis der israelischen Mentalität» begründet gewesen sei. «Inzwischen sind wir nicht nur Kollegen, die gemeinschaftliche Projekte umsetzen, um den Touristen das Heilige Land zu zeigen, sondern sind auch zu Freunden geworden».Für viele internationale Tourismusorganisationen und Reisebüros weltweit ist Israel nur eine Destination unter vielen. Frankfurt befragte den Minister explizit nach Angebote für solche Arbeitspartner, für die Israel ein Reiseland wie jedes andere auch auf der Weltkarte sei.Stas Misezhnikov erklärte, dass sein Ministerium derzeit eine Informationstour vorbereite, um die potentiellen Partner der touristischen Assoziationen dieser Länder «in ehrlicher Zusammenarbeit und als qualifizierte Hilfe mit langjähriger Erfahrung» mit den Sehenswürdigkeiten des Landes vertraut zu machen. «Jedes Land, wie auch jeder Tourist erfordert das individuelle Vorgehen meines Ministeriums. Einer interessiert sich für die religiösen Heiligtümer, andere fürs Tauchen in Eilat oder auch für die medizinischen Behandlungen, die wir am Toten Meer anbieten.» Man wolle – insbesondere zum Toten Meer – Informationstouren für solche Reiseveranstalter aus aller Welt anbieten, die sich auf Kurorte spezialisiert hätten: «Wir wollen die Kollegen mit den Besonderheiten dieser Kurorte bekannt machen, ihnen zeigen, inwiefern die richtige Auswahl des Erholungsorts und die richtige Wahl der Reisezeit wichtig ist. Heute teilen uns viel Agenten mit, dass es im Nachhinein viel leichter ist, mit den Kunden zu arbeiten.»Abschließend nach der Prognose für das touristische Business des Jahres 2011 befragt, erklärte der Minister, dass er damit rechne, auch in diesem Jahr einen Zuwachs an Reisenden nach Israel verzeichnen zu können, und das «nicht nur deswegen, weil viele Touristen momentan nicht nach Ägypten oder Tunesien fahren können».

 

Lutz Lorenz

«Jüdische Zeitung», März 2011