Zwischen religiöser und vaterländischer Erziehung

Die Volkshochschulen im Regierungsbezirk Düsseldorf

An wissenschaftlichen Forschungsarbeiten zur deutsch-jüdischen Beziehungsgeschichte mangelt es in Deutschland gewiss nicht. Dies gilt namentlich auch für regionale und lokale Studien. Und doch gibt es immer noch etwas zu entdecken und erforschen, Aspekte, die das gesamte Forschungsfeld in einem neuen Licht erscheinen lassen. Das gilt auch für die vorliegende auf einer breiten Quellengrundlage stehende Untersuchung, die ein weiteres Mosaiksteinchen zum Gesamtgebilde der jüdischen Regionalgeschichte hinzufügt.

Die Anregung zu der vorliegenden bemerkenswerten Forschungsarbeit der Düsseldorfer Historikerin Gisela Miller-Kipp geht zurück auf ein vom nordrheinwestfälischen Wissenschaftsministerium geförderten «Leuchtturmprojekt in der Lehre», bei dem es um Kindheit in Düsseldorf vom Kaiserreich bis in die Weimarer Republik geht. Dabei zeigte sich, dass über jüdische Kindheit, insbesondere über ihren gesellschaftlichen Ort, die jüdische Volksschule, kaum etwas bekannt ist. Der Raum Düsseldorf war der Verfasserin gleichwohl zu eng begrenzt, so dass sie die jüdischen Volksschulen der weitern Region mit in ihre Untersuchung hineinnahm und gründlich und grundlegend bearbeitete. Jüdische Volksschulen, und alles was damit zusammenhängt – Lehrer, Schüler, Lehrpläne, Schulbücher, Abschlüsse und was sonst noch – galt bislang als historische Terra incognita. Erstmals ist es nunmehr möglich, Einblicke in jüdisches Leben vor dem Holocaust zu erhalten, das nicht von der monokausalen Perspektive des Judenmords bestimmt ist.

In dem 1815 gegründeten Regierungsbezirk Düsseldorf hat es bis 1942, dem Jahr der Wannsee-Konferenz, insgesamt 42 jüdische Volksschulen gegeben, die allesamt in dem Band einzeln mit allen aufgefundenen Dokumenten vorgestellt werden. Dabei konzentriert sich Miller-Kipp auf den schulhistorischen Prozess und auf die Akteure der Schulgeschichte – die jüdischen Gemeinden und die Schullehrer in ihrer konfliktreichen Interessenlage. Ein Verdienst der Arbeit ist eine Archivdokumentation und ein umfangreiches Quellen- und Literaturverzeichnis, das dem Band das Prädikat eines Handbuchs verleiht.

Die vorliegende Studie ist auch insofern als Handbuch zu bezeichnen, als der Band für einschlägig arbeitende Historiker, für Archivare und Studierende, aber auch für den schul- und kulturgeschichtlich interessierten Laien interessant ist. Das gilt ebenso für die wachsenden Jüdischen Gemeinden, namentlich für solche, die sich mit dem Gedanken tragen, eine Schulgründung vorzunehmen.

Auf eine spezifische Besonderheit mag hingewiesen sein, die sich bereits aus dem Buchtitel ergibt: Kaiserbild und Palästina. Sind dies zwei sich gegenseitig ausschließende, vielleicht gar im konfliktgeladenen Widerspruch stehende Termini? Eine Wandkarte von Palästina, dem Ursprungsland des jüdischen Volkes, gehörte seit 1872, so war es in der Allgemeinen Verfügung über Einrichtung, Aufgabe und Ziel der preußischen Volksschule“ bestimmt, zu den vorgeschriebenen Lehrmitteln. Das Kaiserbild zählte zur obligaten Innenausstattung der Schulen. Ein Fehlen der Palästinakarte wurde bei Schulrevisionen ebenso moniert wie das Fehlen des Kaiserbildes oder auch nur die Minderwertigkeit desselben. Beide symbolträchtigen Manifestationen erhellen die der Volksschule in Preußen-Deutschland zudiktierten Aufgabe und Sozialfunktion christlich-religiöser und vaterländischer Erziehung. Dass die Jüdische Volksschule zu den beiden Symbolen «per se ein gespanntes Verhältnis» gehabt habe, wie Miller-Kipp mutmaßt, darf allerdings ebenso angezweifelt werden wie die Feststellung, dass der Schule eine Allgemeinbildung im Kontext jüdischer Religion und im «Horizont einer durchaus ambivalenten Frage nach dem Vaterland» oblag. Es bedarf keiner besonderen Hervorhebung, dass das deutsche Judentum cum grano salis deutsch-patriotisch bis auf die Knochen war. Die Trennlinie verlief allerdings zwischen einem liberalen und zionistisch ausgerichteten Judentum, wobei dem einen die Betonung auf «deutsch», bei dem anderen auf «jüdisch-national» lag. Die Liberalen konnten mit den national-jüdischen Ideen der Zionisten nichts anfangen, während deren ideologische Ziele auf Palästina gerichtet waren. Richtig ist aber auch die Denkwürdigkeit der Geschichte, dass die jüdischen Schulen nach 1933 explizit auf eine Auswanderung nach Palästina vorbereiten sollten, ein pädagogisches Lehr- und Lernziel, das auch die Nationalsozialisten befürworten konnten.

In ihrem Kapitel «Historischer Bericht» rekonstruiert die Verfasserin 39 Schulen an 36 Orten. Miller-Kipp hat hier alle schulhistorisch relevanten Daten, Fakten und Aussagen in 14 Rubriken erfasst: Gründung-Schließung, Demographie, Soziokulturelle Lage, Lokalität, Institution, Größe, Schüler, Lehrer, Schulraum, Curriculum/Unterrichtsmaterial/Schulische Leistung, Schulleben, Gesellschaftliches Profil, Besonderheiten und Historische Funktion. Und damit hat sie den umfangreichsten historischen Bericht zu jüdischen Volksschulen in Deutschland im 19. und 20. Jahrhundert vorgelegt.

Ende 1925 beantragte der Vorstand der Synagogengemeinde Duisburg, um ein lokalgeschichtliches Beispiel anzuführen, mit seiner zionistisch-orthodoxen Mehrheit den Bau einer jüdischen Schule unter anderem mit dem Hinweis, mit anderen Religionsgemeinschaften gleichgestellt sein zu wollen. Der Antrag des Gemeindevorstands schloss mit den Worten: «Wir haben die Hoffnung, dass in ihr unter der Leitung eines tüchtigen, bewährten Lehrers eine Schule wachsen wird, die, wie es auch in vielen anderen Städten unseres Bezirks erreicht worden ist, durch Leistungen ihre anfänglichen Gegner zu warmen Anhängern machen wird, und inmitten des hochentwickelten Duisburger Volksschulwesens sich einen würdigen Platz erringen wird».

Eine Besonderheit der Duisburger Schule verdient hervorgehoben zu werden: Die Jüdische Schule war die einzige Neugründung im Regierungsbezirk Düsseldorf während der Weimarer Republik, kontrafaktisch zum seinerzeitigen «rasanten» Abbau der jüdischen Volksschulen in der Region; die zweitgrößte Schule mit einigem Abstand zu Essen.

Das Werben des Gemeindevorstands für eine eigene Schule führte dazu, dass die zunächst zögerlichen Eltern aller Schichten ihre Kinder auf die jüdische Schule schickten – Kinder aus liberalen und orthodoxen, armen und reichen Elternhäusern. Nachdem die Stadt Duisburg die Genehmigung für die Errichtung der Jüdischen Schule erteilt hatte, wurde die Schule auch von ihren anfänglichen Gegnern im Gemeindevorstand und in der Repräsentantenversammlung mitgetragen. Die Stadt selbst stand der Institution Schule durchaus wohlwollend gegenüber und unterstützte sie bei der Anschaffung von Lehrmitteln. Im Gründungsstreit selbst bezog die Stadt eine vermittelnde Haltung. Das alles änderte sich im Januar 1933 schlagartig: Die Zuschüsse entfielen ebenso wie das Stimmrecht des Rabbiners in der Städtischen Schuldeputation. Eine der vielen Schikanen, die sich mehr und mehr einstellten, bestand darin, dass die Jüdische Gemeinde der Stadt diejenigen Lehrmittel bezahlen musste, die von der Stadt angeschafft und im Novemberpogrom zerstört worden waren.

Die Jüdische Schule Duisburgs, an der samstags nicht unterrichtet wurde, stand didaktisch gesehen, auf der Höhe der Zeit. Im April 1938 wurde die Schule ins Gemeindezentrum verlegt, was sie nicht davor schützte, am 9. November 1938 auch zerstört zu werden. Als mit Wirkung vom 1. Juli 1942, da hatten schon längst die ersten Deportationszüge den Duisburger Hauptbahnhof verlassen, jede Beschulung jüdischer Kinder untersagt wurde, endet die Geschichte der jüdischen Volksschule Duisburgs. Eine ähnliche Entwicklung nahmen die übrigen jüdischen Schulen des Bezirks.

Das vorgestellte Thema mag man als spröde bezeichnen und das Buch ist gewiss keine Gutenachtlektüre, doch die Forschungsarbeit schließt eine historiographische große Lücke – und das ist ein Wert an sich. Die Geschichte des «niederen» Schulwesens und der Volksschule, der jüdischen zumal, ist bislang weitgehend unerforscht. Durch die vorliegende regionalgeschichtliche Studie darf die Geschichte der jüdischen Elementarschule als abgeschlossen gelten. Die Geschichte der jüdischen Volksschulen in Deutschland will gleichwohl erst noch geschrieben sein.

 

Theodor Joseph

«Jüdische Zeitung», Dezember 2010