Deutsch-Jüdische Geschichte als Reflexion: Festschrift zu Ehren Michael Wolffsohns

Das ist schon ein illustrer, will sagen: namhafter Kollegenkreis, der sich zu der vorliegenden Festschrift aus Anlass des 60. Geburtstages von Michael Wolffsohn versammelt hat und dessen beachtliche Leistungen für die deutsch-jüdische Geschichtswissenschaften würdigt. Dabei hat es sich der Geehrte nicht nehmen lassen, einen eigenen Beitrag beizusteuern.

Man ist sogleich geneigt, den Sammelband mit Wolffsohns vielschichtigem interdisziplinärem Œvre gleichzusetzen. Auf jeden Fall besticht der Band, der die wesentlichen Forschungsfelder Wolffsohns zusammenfasst, durch seine thematische Vielfalt. Ebenso wenig wie sich Wolffsohn auf einige wenige Epochengrenzen reduzieren und auf historiographische Strömungen festlegen lässt, entziehen sich die einzelnen Beiträge einer monolithischen Zuordnung. Wolffsohn auf eine spezifische «Schule» festzulegen, wäre unangemessen. Am nächsten wird man ihm vielleicht gerecht, ihn als einen Sympathisanten der «historischen Sozialwissenschaft» zu bezeichnen, der Interdisziplinarität, Theoriebezug und Gegenwartsrelevanz in der Historiographie höchste Priorität beimisst.

Der gemeinsame Nenner aller Beiträge ist die Auseinandersetzung mit jüdischer Identität, deren historische Ausdrucksform im Deutschland des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Verbürgerlichung gewesen ist. Während das jüdische Bürgertum verschwand, blieb die Identitätsfrage bestehen. Ja, den Juden stellte sie sich durch das Scheitern der Integration und Emanzipation, zuletzt durch den Judenmord, fundamental neu. Sie stellte sich nach 1945 und stellt sich gegenwärtig wiederum neu.

Die Frage nach einer «jüdischen Auferstehung» seit den 1990er-Jahren hat Michael Wolffsohn wiederholt gestellt. Assimilation, Akkulturation sowie als Gegenstück dazu Renaissance des Jüdischen bleibt gerade auch im Lichte der Identitätsfrage ein Großthema der deutsch-jüdischen Geschichte.

Neue, kulturhistorisch wie empirisch zu verstehende Zugriffe auf die Identitätsproblematik erproben Michael Wolffsohn (und Thomas Brechenmacher), indem sie die Aussagekraft von Vornamen nutzen. Vornamen als Indikatoren – von den großen und den kleinen deutschen Juden, das haben die beiden bereits in ihrem letzten Buch «Deutschland, jüdisch Heimatland» (2008) gemeinsam untersucht. Wolffsohn gibt sich dabei einer Selbstreflexion hin, in dem er am Beispiel seines hebräischen Vornamens «Michael» darüber nachdenkt, welches «Identitätsmuster» dieser Name über die Zeiten hinweg transportiert und auf welchen semantischen Ebenen, mit welchen theologischen, historischen und soziologischen Verknüpfungen dies geschieht. Lässt sich durch systematische und statistisch gestützte Analyse großer, «aggregierter Vornamencorpora», fragt er, – etwa anhand der Vornamen der Berliner Juden zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik – eine Art «öffentlicher Meinung» deutscher Juden auch bereits in vordemoskopischer Zeit ermitteln?

Mit der Entscheidung für bestimmte Vornamen signalisieren die Namensgeber der Außenwelt oft mehr von ihrer Innenwelt – ihrer Mentalität, Identität oder Positionierung – als ihnen bewusst ist. Dies gilt in Sonderheit für deutsche Juden, bei denen Vornamen Programm war – und ist. Die Wurzel des Namens «Michael» («Wer ist wie Du, Gott?») ist eindeutig hebräisch-jüdisch, der Name selbst vieldeutig, die mit diesem Namen verbundene Konnotation jedoch universal. Daraus folgert Wolffsohn, dass Deutschlands Juden als Juden Teil Deutschlands und zugleich der (humanen) Menschheit sein wollten. Doch die Familiengeschichte der Wolffsohns hat ihre eigene Deutung: Der 1947 im damaligen Palästina geborene Wolffsohn erhielt seinen überall mühelos auszusprechenden Vornamen «Michael» auch seiner allseitigen Bekanntheit wegen, denn man könne ja nicht wissen, «wie einen das Schicksal schlüge und wohin es einen verschlägt». Jüdisch und zugleich weltoffen, das ist für Juden das Signal des Vornamens «Michael».

In den beiden Kapiteln «Identität» und «Erinnerung» äußern sich Historiker, Judaisten und Theologen aus unterschiedlichen Blickwinkeln. An einer Schnittstelle, derjenigen von Geschichte und gelebter jüdischer Kultur, Religion und Theologie, melden sich drei der Autoren zu Wort: als Rabbiner repräsentieren sie lebendiges und gegenwärtiges Judentum (Walter Homolka, Andreas Nachama, Tovia Ben-Chorin).

Nicht zuletzt bilden die beiden Schwerpunktthemen «Identität» und «Erinnerung» auch zentrale biographische Fixpunkte vieler der hier versammelten deutsch-jüdischen Autoren wie Andreas Nachama, Julius H. Schoeps, Michael Wolffsohn oder Moshe Zimmermann. Hier schließt sich der Kreis wiederum von der Historie zur Gegenwart, wie sie als exemplarische deutsch-jüdische Biographie der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch im Leben des Wissenschaftlers, Publizisten und neuerdings auch mit einem multikulturellen Berliner Wohn- und Begegnungsprojekt als Identitäts- und Erinnerungsstifter ganz praktisch tätigen Kulturpolitikers Michael Wolffsohn vor uns steht.

 

Thomas Brechenmacher (Hg.): Identität und Erinnerung: Schlüüselthemen deutsch-jüdischer Geschichte und Gegenwart. Olzog-Verlag 2009, 26,90 €

 

Theodor Joseph

«Jüdische Zeitung», November 2010