Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Widerwärtiges im Auswärtigen Amt der NS-Zeit... und noch lange danach!
Es gab nicht nur die Rassentheoretiker der Nazis, die Planer der «Endlösung», die Lagerkommandanten in SS-Uniformen und die Hilfswilligen an den Gaskammern. Jetzt richtet sich der Fokus auf die große Zahl von Diplomaten, die sich vor 1945 aktiv daran beteiligten, die Juden in ganz Europa aufzuspüren und dem Tod auszuliefern. Das 900 Seiten starke Buch «Das Amt und die Vergangenheit», erarbeitet von vier Historikern, belegt noch mehr: Das auswärtige Personal der Nazis fand zum großen Teil nahtlos Unterkunft im diplomatischen Korps der Bundesrepublik. Konrad Adenauer, der von den Nazis eingesperrt war, bevor er erster Kanzler und zeitweilig Außenminister der Bundesrepublik wurde, wird nachgesagt, er sei nicht «pingelig» gewesen. Im Kanzleramt beschäftigte er mit Hans Globke einen Staatssekretär, der einst die Ausführungsverordnungen zu den judenfeindlichen «Nürnberger Gesetzes» entworfen hatte. Dem «Alten» von Rhöndorf war bekannt, dass alte Nazis auf vielen Gebieten übernommen wurden, um mit ihrem «Fachwissen» den demokratischen Nachfolgestaat aufzubauen: Lehrer, Richter, Geheimdienstler, Militärs… Adenauer soll diese Kontinuität mit dem Seufzer gedeckt haben: «Es gibt ja keine anderen». Die Diplomaten verstanden bestens, sich hinter der Legende zu verstecken, sie hätten sich fast ausnahmslos von den Untaten der braunen Herrscher ferngehalten. Jetzt erst ist belegt, dass im Nachkriegspersonal des Auswärtigen Amt nur 20 Prozent der Diplomaten zu den vom Nationalsozialismus Verfolgten gezählt werden konnte. Doppelt so viele hatten sich dagegen als Mitglieder oder Mittäter der Nazis disqualifiziert und doch in Bonn eine neue Karriere starten können. Man wundert sich, dass selbst Willy Brandt als Außenminister sein Personal nicht unter die Lupe genommen hat. Mag sein, dass dem Emigranten der Nazizeit der üble Stallgeruch der alten Garde entgangen ist. Es war erst der grüne Amtschef, Joschka Fischer, aus der Generation, die ihre Eltern zur Rede stellte, der Konsequenzen zog. Er verweigerte dem aussterbenden braunen Filz ehrende Nachrufe im internen Amtsblatt und beauftragte nach der dadurch ausgelösten Empörung 2005 die Historiker Eckhart Conze (Marburg), Norbert Frei (Jena), Peter Hayes (Northwestern University, USA) und Moshe Zimmermann (Jerusalem) mit der jetzt veröffentlichten Untersuchung. Sie erinnert an die Aufarbeitung der Rolle der Wehrmacht durch das Hamburger Institut für Sozialforschung, das nachgewiesen hat, wie sich nicht nur die Nationalsozialisten, sondern auch die regulären Armeen am Vernichtungskrieg gegen Russland und am Holocaust schuldig machten. Im «Amt» geht es aber nicht nur um das Ende der Geschichtslügen über Hitlers Diplomaten, sondern um einen Skandal der Bundesrepublik. Dieser ist voraussichtlich mit der Veröffentlichung des Buches am 28, Oktober im Berliner Haus der Kulturen der Welt nicht abgeschlossen. Präsentiert wurde es von den vier Autoren, dem ehemaligen Außenminister Joschka Fischer und dem früheren Staatsminister Gernot Erler. Amtsinhaber Guido Westerwelle ließ sich das Werk gesondert überreichen. Er kritisierte zwar die personelle Kontinuität aus der NS-Zeit in die Republik. Doch noch am gleichen Tag legte der «Spiegel» Informationen nach, dass die Aufklärung der NS-Verstrickung vor allem in den Zeiten der FDP-Außenminister Walter Scheel, Hans-Dietrich Genscher – beide vormals Mitglieder der NSDAP – sowie Klaus Kinkel bis 1998 nicht vorangetrieben, sondern behindert worden sei. Der Historiker Conze bemerkte jedenfalls, so das Magazin, er wisse nicht, ob seine Kommission im Amtsarchiv «alles gesehen» habe, was «wir hätten sehen können». Die Grünen regten prompt an, das Archiv aus dem Auswärtigen Amt in das Bundesarchiv Koblenz zu verlagern. Fußnote: In der Bundesrepublik ist jüngst eine Debatte entflammt, ob Adelige die besseren Menschen sind. Ein «von und zu» führt jedenfalls die Liste der beliebtesten Politiker Deutschlands an und wird als Hoffnungsträger für das Kanzleramt gehandelt. In der TV-Debatte «hart aber fair» wurde aberwitzig erörtert, ob der Adel jener Stand mit Besitz, Bildung und Benimm ist, dem nach dem Verschleiß der demokratischen Führungskader jetzt die Macht im Lande zufallen muss. Im diplomatischen Dienst unter Kaisern und Königen, aber auch unter Hitlers von Ribbentrop und Adenauers von Brentano hatte er immer Platzvorteil. Ein Beweis für eine generelle genetische oder empirische Über- oder Unterlegenheit der Blaublütigen konnte bislang nicht erbracht werden.
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