Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Die Juden von Cornwall - revistedZehn Jahre nach einer Ausstellung unterwegs in Englands Südwesten
Unser Bild vom äußersten Südwesten Englands ist «verpilchert». Die Trivialromane der kornischen Kultautorin haben ein Klischee geschaffen, das die Region so schnell nicht mehr los wird: Liebe und Leidenschaft vor wildromantischer Küstenkulisse, aristokratisches Lebensgefühl inbegriffen. Der unverstellte Blick nimmt ein anderes, facettenreicheres Bild wahr, in dem Armut vorkommt und Geschichte: Cornwall ist die ärmste Region der britischen Insel. Die Einkommen der Bevölkerung liegen etwa ein Viertel unter dem britischen Durchschnitt. Von der einst bedeutenden Bergbauindustrie existieren heute nur noch museale Überreste. Die Schornsteine der verlassenen Zinnminen – die letzte Mine schloss im Jahr 1998 – wurden zu Landmarken einer ambivalenten Geschichte. Dass es auch ein jüdisches Kapitel dieser Geschichte gibt, ist nur wenigen bekannt. Im Mai dieses Jahres hatte ich die Gelegenheit, Zusammenhänge und Hintergründe vor Ort zu erkunden. In der früheren «stannery town» (Zinnminen-Stadt) Truro, die heute Verwaltungssitz der Grafschaft ist, traf ich Evelyn Friedlander. Sie hatte im Jahr 2000 zusammen mit der Historikerin Helen Fry eine Ausstellung über Juden in Devon und Cornwall kuratiert, die in mehreren britischen Museen gezeigt wurde. Zehn Jahre danach begleitete ich die heutige Vorsitzende des Czech Memorial Scrolls Trust und Londoner Museumsleiterin an jene Orte jüdischer Geschichte, die seinerzeit im Fokus der Ausstellung standen. Nach dieser Begegnung gab es mehr Fragen als Antworten:
Jüdische Zinner – ein Mythos? Mythen, Märchen und Sagen haben die Kulturgeschichte Cornwalls geprägt und die frühe Existenz von Juden darin eingeordnet. Legenden um und über Juden begegnet man allenthalben. Ortsnamen wie «Marazion» wecken unwillkürlich die Vorstellung von einer frühen jüdischen Kultur. Und wenn nicht, wird man darauf hingewiesen, wie im Fall des malerischen Fischerdörfchens Mousehole, das sich «Mausel» spricht und etymologisch aus dem Hebräischen (Massel) entwickelt haben soll. Der Sage nach kam Joseph von Arimathea an die Küste der Penwith-Halbinsel, um Zinn zu kaufen. Der erste von vielen sei er gewesen, heißt es, so dass nach und nach eine kleine jüdische Siedlung entstand. Ein etymologischer Irrtum, klärt die Website des kleinen Badeorts in der Mount’s Bay auf, der Name komme nicht aus dem Hebräischen, sondern aus dem Kornischen. Ein klarer Fall. Sagen erzählen vom Kupfer im Tempel König Salomons, das in den Zinnminen Cornwalls gewonnen worden sei und von Jesus, der in Begleitung seines Onkels, eines jüdischen Metallhändlers auf Geschäftsreise, nach St Just in Roseland kam. «Der Zinner von Chyannor» heißt ein keltisches Märchen mit jüdischen Bezügen. Die hochinteressante Überlieferungsgeschichte dieses Märchens, von dem eine Reihe unterschiedlicher Versionen bekannt ist, reicht bis ins Mittelalter zurück. Man mag über solche Geschichten schmunzeln – bis zur ersten lokalen Fernsehsendung, in der sie als mehr oder minder wahr präsentiert werden. Historiker favorisierten lange Zeit die These, nach der die ersten Juden mit den Phöniziern nach Cornwall kamen. Doch auch das darf bezweifelt werden. Die Forschung bestätigt zwar, dass die Zinnvorkommen schon in der Antike, möglicherweise auch früher, weltweit begehrt waren und frühe Metallhandelsbeziehungen zwischen Cornwall und Phönizien sind historisch nicht unwahrscheinlich. Auch ist denkbar, dass unter den ersten so genannten «tinners» (Zinner), die in vorindustrieller Zeit das vielfach verwendbare Metall zu produzieren begannen, Juden waren. Die erste gesicherte historische Quelle, die Juden im kornischen Zinnbergbau erwähnt, stammt jedoch erst aus dem Mittelalter, genauer aus dem Jahr 1198. Nach Cecil Roth, dem Doyen der englisch-jüdischen Geschichtsschreibung, bleibt das die einzige für das gesamte Mittelalter. Dauerhaft sichtbar werden Juden im Zinnbergbau erst nach dem 16. Jahrhundert. Alles andere ist Legende.
Bergleute sind tendenziell abergläubisch. Sie bilden seit jeher eine geschlossene Körperschaft mit eigenen Traditionen und eigener Sprache, heißt es schon im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens aus dem Jahr 1927. Die Förderung unter Tage, zumal in den Anfängen der Bergbaugeschichte, machte Angst. Sie erzeugte ein Klima, in dem der Glaube an Geister, Gespenster und Goblins gedieh. Die Geschichte des kornischen Bergbaus ist voll solcher merkwürdigen Gestalten und Erzählungen. Mithilfe von Fabelwesen ließen sich Unfälle, Bergkatastrophen und unbekannte Naturerscheinungen erklären und aushalten.
Stolperfalle der Forschung: Kornisch Zu den Mythen gesellt sich die kornische Sprache als Stolperfalle der historischen Forschung. Das eingangs erwähnte Beispiel von Mousehole zeigt, dass es wenig Sinn macht, sich vorschnell auf etymologische Ableitungen einzulassen. Der kornische Dialekt ist nicht ohne Tücken. Es ist verführerisch, Begriffe wie «Jew’s tin» (größere Zinnblöcke), «Jew’s leavings» (Zinnrückstände, vermischt mit minderwertigem Metall) oder «Jews’ Houses» (verlassene Schmelzhütten) historisch zu interpretieren. Vielfach wurde daraus die Existenz von Juden in der Zinnindustrie oder gar deren Einfluss auf die Entwicklung der Schmelztechnologie abgeleitet. Das klingt zunächst plausibel und vielmehr nach einer Erfolgsgeschichte als nach Antijudaismus. Doch weiß man inzwischen: solches Vorgehen ist mehr als fragwürdig. Das betrifft auch Ortsnamen. Das Straßenschild «Market Jew Street» in der Innenstadt von Penzance deutet nicht zwingend auf die Existenz einer größeren Zahl jüdischer Kaufleute am Ort. Herleitungen aus dem Kornischen, wonach die mündliche Überlieferung aus «Marchas» (Market) und «-dyow» (south) «Market Jew» machte, sind ebenso möglich. Beispiele dieser Art sind zahlreich und erschweren die Forschung. Evelyn Friedlander fotografiert dennoch das Straßenschild nahe der ehemaligen Synagoge in Penzance: «Man weiß ja nie».
Cornwalls historische Gemeinden
Wir sind dort, wo vor zehn Jahren im Penlee House – neben der Tate St Ives das bedeutendste Kunstsammlung Cornwalls – die Wanderausstellung «The Jews of Devon and Cornwall» eröffnet wurde. Nirgends befindet sich ein Hinweis auf die Synagoge von 1807, die ohne Ortskenntnis kaum zu finden ist. Nur wenige würden vermuten, dass die enge Pforte unterhalb des Lieferanteneingangs vom Star Hotel zu einer so großen Andachtsstätte führt – groß für ihre Gemeinde, doch klein im Vergleich mit anderen Gotteshäusern. Auch sind die einfachen Schwingtüren kein Hinweis auf diesen geräumigen und hellen Ort, der seit so vielen Jahren als Synagoge genutzt wird. Der Eindruck des «Cornishman» von 1889 lässt sich heute nur noch teilweise bestätigen, denn was wir sehen, sind nur noch die Außenmauern des ehemaligen Gotteshauses: «Dort, neben dem Pub, der sich im Gebäude der ehemaligen Synagoge befindet, wäre es einfach gewesen, eine Gedenktafel anzubringen», stellt Evelyn Friedlander enttäuscht fest. Auf den dringenden Restaurierungsbedarf der Bogenfenster im hinteren Gebäudeteil hatte sie bereits vor zehn Jahren in ihrem Katalog zur Ausstellung hingewiesen. Die Fenster sind in unverändertem Zustand, nur der Baum vor dem Haus ist gewachsen. Wir sprechen über Penzance und Falmouth, die beiden einzigen jüdischen Gemeinden in der Geschichte Cornwalls. Kleinere jüdische Siedlungen existierten nur noch in Truro, Redruth und Camborne. Fast zeitgleich wurden sie um 1740 gegründet, heißt es bei Cecil Roth und Bernard Susser. Der Name des Rabbiners und Regionalhistorikers weckt bei Evelyn Friedlander Erinnerungen: «Susser gab seinerzeit den Anstoß für unsere Ausstellung. Traurig, dass es nie zu einer Zusammenarbeit kam – er starb kurz nach unserem zweiten Treffen.» Und sein Werk? «Ein großer Teil ist vernichtet; ein weiterer stand bald nach seinem Tod in Plastiksäcken bereit zur Entsorgung. Nur durch Zufall schaute der zuständige Hausmeister hinein – und benachrichtigte die Jewish Historical Society über seinen Fund. Dennoch… vieles ist verloren.» Was Falmouth und Penzance betrifft, so werfen ihr Gründungsdatum und ihre nahezu parallele Gemeindegeschichte Fragen auf. Doch fehlen die Quellen, um genauer nachzuforschen. Manches konnte inzwischen korrigiert werden, vor allem mit dem von Helen Fry und Keith Pearce herausgegebenen Band «The Lost Jews of Cornwall», der ersten umfassenden Studie zur jüdischen Geschichte der Region überhaupt. Die jüdischen Gemeinden Falmouth und Penzance waren beide nicht groß, sind aber für die Forschung durchaus interessant. Auf dem Höhepunkt ihrer Geschichte um die Mitte des 19. Jahrhunderts zählten sie schätzungsweise 50 bis 60 Personen. Als florierende Hafen- und Handelsstädte besaßen sie Anziehungskraft für alle, die in London keine Arbeit fanden. Auch für jüdische Einwanderer, die aus Osteuropa, Deutschland und Holland ins Land kamen. Die Mitglieder beider Gemeinden etablierten sich rasch. Aus Einwanderern wurden britische Staatsbürger. Ein entsprechendes Gesetz («The Jew Bill») war seit 1753 in Kraft. Über ein Jahrhundert lebten Juden in Penzance und Falmouth, angepasst an die englische Gesellschaft, doch ohne die eigene Kultur aufzugeben. Mit dem Niedergang der Industrie in Cornwall kam das Ende der Gemeinden, in Falmouth bereits im Jahr 1880, in Penzance um 1906. Der letzte jüdische Einwohner verließ Penzance 1913. In den Städten und in Übersee hoffte man auf eine neue Zukunft. Viele gingen nach Australien, Südafrika, Amerika. In Amerika ließen sie auch die Märchen vom «Jewish knocker» hinter sich. Auf Ellis Island nannte man alle Bergleute aus England «tommyknocker». Auf eine Familie mit Wurzeln in Penzance und Falmouth kommen wir immer wieder zurück: die Harts. Abraham Hart war Gründungsmitglied der Gemeinde und mit seiner Familie vermutlich aus Deutschland eingewandert. Der Name Hart stand zunächst für Handel und Seefahrt. Lemon Hart (1768–1845), ein Enkel Abrahams, entwickelte das familiäre Schifffahrtsunternehmen und expandierte im Wein- und Spirituosengeschäft. Der Rumlieferant der British Navy reüssierte bald auch auf dem internationalen Markt. «Lemon Hart Rum» galt weltweit als Traditionsmarke, auch im deutschen Fachhandel. Im Internet findet man noch Restbestände. Lemon Hart verband erfolgreiches Unternehmertum mit ungewöhnlichem Engagement für die Gemeinde, deren Parnass er zeitweilig war und deren Mäzen er lebenslang blieb. Mindestens ebenso bedeutend war ein Mitglied aus dem weiteren Familienkreis: Solomon Alexander Hart (1806–1881), Professor für Malerei und erstes jüdisches Mitglied der Royal Academy in London. In der jüdischen und der Kunstgeschichte Großbritanniens spielt er eine exponierte Rolle. Friedlanders Ausstellungskatalog zeigt sein berühmtes Gemälde «Die Konferenz zwischen Menasseh ben Israel und Oliver Cromwell» aus dem Jahr 1873, eine Auseinandersetzung mit der Geschichte der Juden in England. Das Bild wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört - wie die meisten materiellen Überreste der beiden jüdischen Gemeinden.
Listed places – die jüdischen Friedhöfe
Die öffentliche Aufmerksamkeit richtet sich vor allem auf zwei Orte: die Friedhöfe in Penzance und Falmouth. Ersterer steht bereits unter Denkmalschutz (Grade II listed), letzterer ist vorgemerkt. Abgesehen von archivalischen Quellen in Leeds (Roth Collection) und Exeter (Susser Collection) und wenigen Artefakten im Royal Cornwall Museum in Truro und im Jewish Museum London sind die Friedhöfe die letzten Zeugen der beiden westlichsten jüdischen Gemeinden Englands. Der jüdische Friedhof in Penzance gilt als der schönste außerhalb Londons und ist der einzige vollständig erhaltene aus Georgianischer Zeit. Den wollen wir natürlich sehen. Der Eingang führt gleichsam in eine andere Welt, die überzogen ist von üppiger Frühlingsflora mit Schlüsselblumen, Bärlauch und seltenen Orchideen. Wir freuen uns über die Verspätung des grass cutters und versuchen, einige der Grabsteine zu entziffern. Von den einst fünfzig Steinen des 1780 zusammen mit dem christlichen Teil eröffneten Friedhofs sind noch dreißig geblieben. Der erste ist aus dem Jahr 1790, der letzte wurde 1913 bereits nach Auflösung der Gemeinde gesetzt. Das Schiefer- und Sandgestein der Grabstätten ist von Wind und Meer gezeichnet. Manche Inschriften sind schon jetzt, nach gut zweihundert Jahren, kaum mehr lesbar.
Kehillat Kernow – ein Zukunftsmodell?
Mit der Jahrtausendwende kam Bewegung in die jüdische Geschichte und Gegenwart Cornwalls: Bernard Susser, hatte noch in den 1990er-Jahren seinen Band «The Jews of South-West England» veröffentlicht. Wenig später erschien die Dokumentation «The Lost Jews of Cornwall», parallel dazu kam die Ausstellung «The Jews of Devon und Cornwall» nebst Katalog. Zur gleichen Zeit, fast ein Jahrhundert nach Auflösung der letzten jüdischen Gemeinde Cornwalls in Penzance, gründete sich in Truro eine neue jüdische Gemeinde. Reine Koinzidenz der Ereignisse? Dies glaubt jedenfalls Harvey Kurzfield. Der pensionierte Grundschullehrer, Buchautor («The Dark Room») und Laienschauspieler ist Vorsitzender und Gründungsmitglied der reformierten Gemeinde. Ich war mir nicht bewusst, wie viele Juden in Cornwall lebten, bis David Hampshire kam, schildert Kurzfield den Gründungsprozess. Hampshire war Religionsbeauftragter für Schulen und sah rasch einen Bedarf nach Nähe und Austausch. Im kleinen Kreis entstand bald die Idee, sich zu konstituieren. Rund fünfzig Familien zählt die Gemeinde heute, Tendenz steigend. Ihr Name «Kehillat Kernow» betont das Verwurzeltsein in beiden Traditionen, der jüdischen und der kornischen («Kernow» ist der kornische Name für Cornwall). Noch fehlen eigene Räumlichkeiten für Gottesdienste. An hohen Feiertagen finden sie deshalb in Gebäuden des Trelissick Garden statt, einer der romantischsten Gärten Cornwalls, der vom National Trust zum kulturellen Erbe erklärt wurde. Für die Zukunft wünsche man sich natürlich ausreichende finanzielle Mittel. Schön wäre auch eine eigene Torarolle. Dann könne man endlich die derzeit von der Jüdischen Gemeinde Exeter geliehene ersetzen. Truros jüdische Gemeinde bewegt sich mit ihrem offenen, reformierten Selbstverständnis in einem Bereich, den der Rabbiner und Religionsphilosoph Albert Friedlander in seinem Vorwort zum Ausstellungskatalog intellektuell in die Nähe Leo Baecks rückt. In diesem Bereich, so Friedlander, «begegnen sich Judentum, Christentum und andere Religionen als gemeinsame Partner auf dem Weg zu einem ethischen Handeln, das in die Zukunft weist.» Er konnte nicht ahnen, dass er damit gleichsam das Credo einer neuen, sich im Aufbau befindlichen kornischen Gemeinde formulierte. Oder doch? Wenn es um Cornwall geht, weiß man nie.
Dr. Marina Sassenberg ist Sozialwissenschaftlerin und Historikerin und betreibt eine eigene Reise-Website: www.YourTravelLinks.com
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