Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() "I will survive in Auschwitz"youtube als Überlebenshilfe?
Auf «youtube», einem der international populärsten Videoportale im Internet, macht derzeit «I will survive in Auschwitz» die Runde. In mehreren Episoden, mit unzähligen Auskoppelungen und Weiterleitungen, hat der Film Millionen Zuschauer weltweit erreicht. Musikalisch auf dem Hit von Gloria Gaynor basierend, begleitet die Amateurkamera einen Auschwitzüberlebenden bei seinen unbeholfen vertanzten Besuchen in ehemaligen Konzentrationslagern und schließlich – die Hand zum «victory»- vielleicht auch zum «peace»-Zeichen erhoben, lächelnd vor einem Verbrennungsofen stehend. Dabei trägt Adolek «Adam» Kohn, der heute in Australien lebt, (s)ein T-Shirt mit dem Aufdruck «Surviver». Schockierend auch jene Szenen, bei denen Kohn seinen Kopf wohl zum ersten Mal aus einem ehemaligen Deportations-Viehwagen herausstrecken darf.
«Wenn mir jemand vor dreiundsechzig Jahren gesagt hätte, dass ich einmal mit meinen Enkeln hierher zurückkommen würde, hätte ich ihn gefragt: „Worüber sprichst Du…?“ Aber nun sind wir hier: Hier überlebt zu haben hatte nichts mit Cleverness zu tun – sondern nur mit Glück». Wer sich den Originaltext übersetzt, wird erfahren, dass auch dieser so leicht weggetanzte Disco-Titel von einem «Ich» handelt, das sich von einem psychischen Zusammenbruch erholt. Glück gehabt? Natürlich! Ebenso viel wie «Adam». Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Die Internetwelt ist schockiert und die User sind gespalten wie selten. Jede nur denkbare Reaktion findet sich im www: von neonazistischen Ausfällen über blankes Entsetzen ob so viel «Pietätlosigkeit», Trauer und Verdrängen, bis hin zur ehrlichen Anerkennung für den Mut zu diesen Aufnahmen. Viele Kommentare sind derartig extrem, dass sie von den Betreibern von «youtube» inzwischen entfernt wurden.
Der Grundtenor ist positiv und nachdenklich zugleich: «Ich spüre keine Verbitterung in diesem alten Mann, keinen Hass, keinen Hohn, nicht einmal eine Anklage – und das beschämt mich.» Auch Kritik ist zu lesen, an den jungen Leuten, die ihren Großvater tanzend begleiten: «Es ist deren absolut einziger Verdienst lediglich mit dem KZ-Opfer verwandt zu sein, mehr nicht. Und jetzt tanzen die hippen Jungen (und dazu schlecht) auf den Gräbern derjenigen, die nicht so viel Glück hatten wie ihr Opa. Echt übel.»
Ein Großteil der Kommentatoren versucht, dem 90-Jährigen und seinen Kindeskindern eine Botschaft für das Heute zu entnehmen: «Wenn sogar Menschen mit dem Thema abgeschlossen haben, die selbst davon betroffen waren, sollte es vielleicht auch den Deutschen gelingen, dieses Thema nicht mehr zu stigmatisieren. Es darf nicht vergessen werden, aber auch keine Schuldgefühle mehr auslösen.» Oder: «Auch für die, die nicht mehr mittanzen können, ist diese Lebensfreude ein Triumph - mehr, als die Millionen Überlebenden mit ihren Schuldgefühlen gerade wegen ihres Überlebens.» Unterschiede werden in der Anonymität des Netzes schnell und gern zur undurchdachten Gleichmacherei: «Immer schön den Dauerbetroffenheitswahn aufrechterhalten und die Palästinenser unterdrücken. Ihr Juden seit solche Heuchler», lese ich fast mehr betroffen, als über den Film selbst. Schließlich werden Traumata thematisiert und dabei die Angst vor der Auseinandersetzung lieber durch pure Ablehnung ersetzt: «Einfach nur geschmacklos! So etwas macht man nicht, egal ob man ein direkter Nachkomme ist. Niemand kann sich das Leid vorstellen. Oder warum hüllen dich die meisten Hinterbliebenen in Stillschweigen?» Für mich der einzig richtige Kommentar: «Wer so viel Leid ertragen hat, darf wohl selbst entscheiden!». Genau das ist es: « Wer das makaber nennt hat Unrecht, es ist Adams verdammtes Recht als Überlebender dieser Hölle dorthin zu gehen und zu tanzen! Schade, dass Hitler, Hess & Co. diesen Triumph Kohns nicht sehen können, ich hoffe die ollen Nazis drehen sich im Grabe um. Super, Kohn-family!»
Wohl niemand wird ermessen können, was Adam Kohn tatsächlich motiviert und gefühlt hat, als er sich für diese Aufnahmen mitreißen ließ. Aber wie lange werden wir überhaupt noch das Glück haben, Überlebenden zuhören zu können, zusehen zu dürfen – und sei es bei einer solchen «Performance». Sie zu interpretieren wird Psychoanalytiker und Historiker in den nächsten Jahren ausführlich beschäftigen. Eigenen Schlüsse zu ziehen, ist hingegen jedem selbst überlassen und unterwirft sich in jedem User dem innewohnenden intellektuellen Niveau.
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