Klug schreiben, um gelesen werden zu können

Die deutscj-jüdische literarische Kultur in Berlin zwischen 1933 und 1945

Die Geschichte des Nationalsozialismus, namentlich die darin enthaltene Verfolgung und letztlich systematische Ermordung der Juden gelten als gut erforscht. Und doch entdeckt die deutsch-jüdische Historiographie immer wieder Aspekte, die bislang weniger beachtet wurden. Cum grano salis gehört dazu der Komplex des Kulturbetriebs, den die deutschen Juden zwar eigenständig doch unter starker Observanz, Zensur und mit stetigen Beschränkungen durch die Nazi-Behörden bis ins Jahr 1941 führen konnten. Das gilt vor allem für den deutsch-jüdischen Literaturbetrieb im nationalsozialistischen Deutschland.

Der scheinbaren Erlaubnis zur literarischen Tätigkeit zum Trotz waren die deutsch-jüdischen Schriftsteller auf einen schubweise ghettoisierten vom allgemeinen deutschen Kulturleben abgegrenzten jüdischen Kulturbereich verwiesen und damit, wie Kerstin Schoor in ihrer voluminösen und tiefschürfenden Studie herausstreicht, in ihrer schriftstellerischen Arbeit «auf eine Daseinsform» herabgedrückt, die sie bislang nicht gekannt hatten.

Viele Schriftsteller, die sich voll und ganz der Assimilation hingegeben hatten, mussten sich erst mühsam in «jüdische» Dinge «einarbeiten», wie etwa der Literaturkritiker Kurt Pinthus in einem Brief an den Verleger Salman Schocken mit Bedauern feststellte. Arnold Zweig hat diesen aufoktroyierten Zwang, «jüdische» Kultur zu schaffen in seinem Exilessay «Bilanz der deutschen Judenheit» aus dem Jahre 1934 treffend als «Selbstbesinnung auf jüdische Herkunft und jüdische Zukunft» beschrieben.

Die Identitätsfrage stellte sich für die deutsch-assimilierten Juden neu und spiegelt sich auch entsprechend in den Texten – in Form von Verwirrung, Zorn und Selbstbehauptungswillen von Menschen unterschiedlicher jüdischer Sozialisation, weltanschaulicher und politischer Haltung oder religiöser Orientierung. Allen gemeinsam war, dass sie zu einer «Sondergruppe» gestempelt und der Bürgerrechte eines Volkes beraubt waren, dem sie sich durch Sprache, Empfindungen, menschliche und soziale Bindungen verbunden fühlten.

Auf die unsäglichen Zurücksetzungen reagierten die meisten mit der Zunahme literarischer Produktionen nach der trotzigen Devise – «Jetzt erst recht!» Vielleicht ist nie zuvor in solch kurzer Zeit Literatur entstanden wie in den ersten Jahren der NS-Herrschaft: Gedichte, Romane, Novellen, Broschüren und Zeitungsaufsätze sind ein eindrucksvoller literaturhistorischer Beleg dafür, der gleichwohl, den Zeitläuften geschuldet, nicht mehr den Weg zu den Lesern finden konnte. Es ist das Verdienst Kerstin Schoors, diesen literarischen Schatz gehoben und damit – ungeachtet wichtiger Vorarbeiten – ein weitgehendes Desiderat beseitigt zu haben. Eigenem Selbstverständnis nach wollte sie weniger ein Forschungsfeld «erschließen» als vielmehr «eröffnen». Allein die zwischen 1933 und 1943 veröffentlichten Buchtitel belaufen sich auf 1.292 Werke. Neben 30 jüdischen Verlagen, von denen sich 24 in Berlin befanden, wurden an die 146 jüdische Zeitungen und Zeitschriften mit Auflagenstärken von bis zu 55.000 Exemplaren in diesem Zeitraum zu wichtigen literarischen Foren.

Dass diese kaum marginal zu nennende Entwicklung sich nicht hinreichend in der Historiographie niedergeschlagen hat, hat nichts mit mangelnder literarischer Qualität der in Rede stehenden Autoren zu tun als vielmehr mit einer jahrzehntelangen vorherrschenden Ausblendung dieser kulturellen Aktivitäten innerhalb Deutschlands: Die von den Überlebenden unmittelbar nach Ende des Krieges unternommenen Versuche, die während der Jahre zwischen 1933 und 1945 entstandene deutsch-jüdische Literatur ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, stießen auf eine erstaunliche Ignoranz. Weder in den USA noch in Palästina/Israel gab es dafür bislang ein nennenswertes Interesse. Im restaurativen kulturellen Klima der Adenauer-Ära Deutschlands mit seinen ohnehin ressentimentgeladenen Emigrantendebatten wollte man «daran» erst recht nicht mehr rühren.

In dem vorliegenden Band handelt es sich wohlgemerkt um literarische Früchte, die zwischen 1933 und 1938/45 in einem separierten jüdischen Kulturkreis in Deutschland entstanden sind. Wie bei den bereits im Exil harrenden jüdischen Autorinnen und Autoren kreisten bei den in Deutschland Zurückgebliebenen die Themen um soziale Entrechtung, Ausgrenzung und Ermordung des europäischen Judentums. Im Spannungsfeld von realexistierendem Antisemitismus und Identitätssuche beschrieben diese Schriftsteller die tiefen Erschütterungen jener Jahre. Namen wie Gertrud Kolmar oder Nelly Sachs, Ernst Blass, Mascha Kaléko, Kurt Pinthus, Arthur Silbergleit, Arno Nadel, Herbert Friedenthal (Freeden), Hans Keilson oder Ilse Blumenthal-Weiss stehen exemplarisch für viele, die nicht oder zunächst nicht Deutschland verlassen konnten – oder mochten. Nach der ersten Auswanderungsbewegung hatten zunächst noch mehr als 1.600 Schriftsteller und Intellektuelle jüdischer Herkunft die für jede Veröffentlichung erforderliche Aufnahme in den Reichsverband Deutscher Schriftsteller beantragt. Berlin wurde nach 1933 zum wichtigsten Zentrum jüdischer Kultur in Deutschland. Bis zum Jahre 1943 waren in der Hauptstadt 1.001 Namen von Schriftstellern, Wissenschaftlern, Künstlern und Intellektuellen, die im weitesten Sinne am literarischen Leben deutscher Juden beteiligt waren, verzeichnet.

Aufgrund ihrer isolierten Lage im nationalsozialistischen Deutschland wurden in der Post-Schoa-Zeit die meisten Schriftsteller nicht als «verschollen» oder «erinnernswert» betrachtet, sondern sie waren insofern einfach «unbekannt», als sie mit ihren Werken ja gar nicht vor eine große Öffentlichkeit hatten treten können und von dieser überhaupt erst «entdeckt» werden musste. Viele Autoren waren zudem ermordet worden, konnten sich daher auch nicht mehr selbst vertreten; andere kehrten aus dem Exil verständlicherweise nicht mehr nach Deutschland zurück; zahlreiche Manuskripte waren durch die Deportation verloren gegangen. Zumindest hatten einige Texte in verschiedensten Archiven der Welt überdauert oder blieben bei Angehörigen oder Freunden über Jahrzehnte verschollen. Einige der im geteilten Nachkriegsdeutschland in Vergessenheit geratenen Autoren wieder bzw. erstmals einem größeren Publikum zugänglich zu machen, dies hat sich Kerstin Schoor angelegen sein lassen.

Schoors Buch versteht sich als Beitrag zur Rekonstruktion eines vergessenen Kapitels literaturgeschichtlicher Entwicklung in Deutschland und als Versuch, die deutsch-jüdischen Träger und Akteure einer literarischen Kultur sui generis sichtbar zu machen. Es geht ihr um die Frage, wie sich literarische Arbeit zu einer Politik und Geschichte verhielt, die für jüdische Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Emigration, Verfolgung und Zwangsarbeit und für viele Ermordung bedeutete. «Für uns Schriftsteller kommt es darauf an», hatte der lebenskluge Martin Buber seinerzeit geraten, «so klug zu schreiben, dass die derzeit Mächtigen nicht gleich unsern Widerstand sehen [...], so klug zu schreiben, dass uns viele Menschen gelesen haben, ehe man uns zur Verantwortung ziehen kann».

 

Theodor Josef

«Jüdische Zeitung», September 2010