Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() GeisterbahnDer Film "Aisheen" zeigt das Leben in Gaza nach der Militäraktion "Gegossenes Blei"
Manchmal ist die Realität erschreckender als die Wirklichkeit. Wussten Sie, dass es im Gazastreifen einen Vergnügungspark gibt? Mit einer Geisterbahn? Gebaut, um zu erschrecken. Die Bahn funktioniert nicht mehr, soll wiederaufgebaut werden, aber die meisten Gazaner haben ihre Portion Schrecken gratis bekommen in den Wochen um die Jahreswende 2008/09, als die Bomben fielen und die Panzer rollten. Flugzeuge und Panzer, das ist es, woran sich die einfachen Leute im Gazastreifen erinnern.
Nicolas Wadimoffs Schweizer Film «Aisheen - Still Alive in Gaza» (CH/Katar/Frankreich 2010) zeigt in einer Welturaufführung Bilder aus Gaza im Februar 2009, nach der israelischen Militäraktion «Gegossenes Blei». Die Bilder des Films geben eine Vorstellung, was das bedeutete. «Aisheen» ist kein Actionfilm, keine Kriegsberichterstattung, sondern eine Dokumentation des Danach. Die sichtbaren, teils dauerhaften Folgen - Trümmerfelder, Brachen, Krüppel, fehlende Familienmitglieder - lassen erahnen, welche «Action» ihnen vorausgegangen sein muss. Der schmale Streifen Land grenzt ans Meer. Ein toter Walfisch liegt am Strand, auch er soll Waffengewalt erlegen sein, verlautet Kindermund. Walknochen werden nach Hause getragen und zusammengelegt; man hat ja sonst auch wenig zu tun. Keine Arbeit, nur wenig Ware in den Geschäften; zwei Monate wurde nach Gas zum Kochen angestanden. Kriegsfolgen.
Die Hauptstadt-Rapper, nach deren neuem Album der Film betitelt ist, proben acappella, solang kein Strom da ist in Gaza-Stadt. Man weiß nicht, ob man sich mehr über die vielen Zerstörungen wundert oder darüber, dass noch so viel da ist. Gewiss, Kriege mit zivilen Opfern gab es auch woanders; wo liegt der Unterschied? Die einzige «nichtisraelische» Grenze ist die zu Ägypten; die Szenen aus Rafah lassen vermuten, dass hier kein leichtes Durchkommen ist, und die Schmuggeltunnel können auch ohne Bombardierung leicht zu Gräbern werden. Nicht, dass Waffenschmuggel legitim wäre, der Film fragt auch wenig nach Schuld. Aber: War das alles genau so nötig? Gaza gehörte mal zum Osmanischen Reich, die Briten waren hier als Mandatsmacht, später die Ägypter, dann die Siedler. All das erlebten die Bäume eines uralten Olivenhaines. Erst das «gegossene Blei» zerstörte die stummen Zeugen, die vor hunderten Jahren gepflanzt worden waren. Die ruhigen Bilder wirken surreal, aber sie lassen Platz zum Nachdenken. Der Rap: Nicht frei von Hass, aber ist Musikmachen nicht besser als alles andere? Die Waise, die zusehen musste, wie ihre geliebte Mutter weggebombt wurde: schicksalsergeben. Sie weiß, dass ihr Leben ein gewaltvolles Ende nehmen könnte; aber sie hat ein Erste-Hilfe-Päckchen dabei. Für den Fall, dass es wieder knallt, will sie helfen können. Am Karussell auf dem Vergnügungspark wird geschraubt, und am Ende dreht es sich wieder. Ein Hoffnungsstrahl? Eine Analogie für das Auf und Ab? Oder ein Symbol dafür, dass sich alles im Kreis dreht - und doch weitergeht?
«Aisheen» von Nicolas Wadimoff und Béatrice Guelpa wird Mitte Februar auf dem Berlinale-Filmfestival im Internationalen Forum des jungen Films zu sehen sein: Cinemaxx 16.2./19.30, Arsenal 17.2./17.30, Cubix 18.2./12.30, Delphi-Filmpalast 19.2./21.30 Uhr. Der Film «Budrus» (Berlinale-Panorama, Thema: Gewaltlosigkeit): CineStar 7, 15.2./20.00,16.2./14.30, 20.2./20.00. |