Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Bis an die Schmerzgrenze gerechtEine Begegnung mit Alfred Grosser und seinem Denken
Berlin-Tegel an einem Montag im September, 10.55 Uhr, die Maschine aus Paris landet pünktlich. Eine Handvoll Passagiere kommt durch die Schleuse, junge Frauen und Männer im Businessdress halten Schilder hoch. Alfred Grosser blickt etwas unsicher in die Runde, ehe ich mich zu erkennen gebe. Außer einer abgewetzten Ledertasche hat er kein Gepäck. Warum auch, er bleibt ja nur eine Nacht in Berlin, dann geht es wieder zurück nach Paris. Auch dort wird er nicht lange verweilen, schon am Freitag stellt er in Hamburg sein neues Buch der Öffentlichkeit vor. Alfred Grosser ist 84 Jahre alt. Wir irren durch das Flughafenparkhaus, müssen doch noch ein Stockwerk höher. Auf der Treppe wird Grosser etwas langsamer. «Vor kurzem, eine kleine Operation», führt er etwas außer Atem entschuldigend an. Im Auto wirft er die Ledertasche in einen der Kindersitze auf der Rückbank. «So etwas haben wir auch», sagt er, «aber bei uns ist es für die Enkel». Dann schwingt er sich auf den Beifahrersitz. Die Feindseligkeiten, die er nach seiner deutlichen Kritik an der israelischen Politik immer wieder erfährt, schmerzen ihn und treiben ihn zugleich an. Am meisten hat ihn dabei der Vorwurf des «jüdischen Selbsthasses» getroffen.
«Holen Sie mich doch vom Flughafen ab, dann sehen wir weiter», war sein Vorschlag, als ich ihn um ein Interview gebeten hatte. Die Strecke in die Stadt ist erstaunlich frei. Wann immer uns ein Auto in Berliner Manier die Vorfahrt nimmt, atmet Grosser scharf aus. Dabei entsteht ein seltsamer Ton, fast schon ein Pfeifen. Mehr Beachtung als dem Verkehr schenkt Alfred Grosser dem Wahlkampf. «Ihr neuer Außenminister», sagt Grosser am Ernst-Reuter-Platz, als wir ein Plakat mit Guido Westerwelles Konterfei passieren. «Furchtbar», fällt die Einschätzung des Mannes aus, der als intellektueller Wegbereiter des Elysée-Vertrags gilt. Auf seinen Rat legten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle großen Wert, als sie die Versöhnung der «Erbfeinde» Deutschland und Frankreich vorbereiteten. Erstaunt betrachtet Grosser das riesige CDU-Plakat am Charlottenburger Tor und atmet wieder einmal hörbar aus. Sein Hotel liegt auf der Fischerinsel. Ob die Wilhelmstraße vor der britischen Botschaft noch immer gesperrt ist, möchte er wissen, als wir im Nebel auf der Straße des 17. Juni auf das Brandenburger Tor zufahren. «Woher nehmen sie das Recht?», fragt er und schüttelt den Kopf. Bei den Franzosen, gleich gegenüber, sei das jedenfalls nicht so. Im Hotel angekommen, setzen wir uns in die Lounge und Alfred Grosser fängt an zu reden. Weniger über sich, mehr über sein neues Buch. «Von Auschwitz nach Jerusalem» hat er es genannt. Er spricht damit jenen kausalen Zusammenhang an, der ihm heute am Herzen liegt: Auschwitz als Grund für die Existenz des Staates Israel. Gegen diese Verknüpfung und ihre Folgen hat er angeschrieben. Er wolle zeigen, sagt Alfred Grosser, dass Auschwitz erst seit dem Eichmann-Prozess das zentrale Thema in Israel geworden sei, dass bei der Gründung des Staates von Auschwitz wenig die Rede war und dass bei Adenauers «Reparationsverhandlungen», Israel noch nicht für alle Juden habe sprechen dürfen.
Die «Monopolstellung Israels», wie Grosser es nennt, als die Opfer und deren Erben, vor denen sich in Yad Vashem alle zu verbeugen hätten, gebe es auch dort erst seit den 1960er Jahren. An diese heutige Haltung schließt sich für ihn unweigerlich die Frage an, wer heute die Folgen von Auschwitz tragen soll. Und da komme sofort die berechtigte arabische Reaktion, warum man dafür geradestehen muss, dass in Europa irgendwann Grausamkeiten begangen worden sind. «Darauf hat Israel nie eine Antwort gefunden», sagt Grosser. Dann holt er Luft: «Deshalb sind wir heute soweit, dass es auch keine Zwei- Staaten-Lösung mehr geben kann». Nach wenigen Sätzen ist Alfred Grosser in der Mitte seines Denkens angekommen.
Keine Lösung des Nahost-Konflikts
Die Zwei-Staaten-Lösung gilt heute als einzige möglich Lösung des Nahost-Konflikts, führe ich reflexartig an. «Aber das ist doch schon lange unmöglich!» Grossers Einschätzung lässt keinen Platz für jene seit Jahrzehnten gebetsmühlenartig an den Tag gelegte «Hoffnung auf Frieden». Er denkt nicht, dass der Konflikt im Nahen Osten überhaupt lösbar ist. Genetisch, da sei er Optimist, sagt Grosser, intellektuell jedoch Pessimist. In dieser Angelegenheit ließen ihn die Gene im Stich, bedauert er. Denn durch die israelische Siedlungspolitik sei ein Flickenteppich entstanden, der keine territoriale Einheit auf palästinensischer Seite erlaube und einen palästinensischen Staat damit unmöglich mache. Und jetzt, mit der neuen Politik, würden, gegen alle Versprechungen der israelischen Regierung, immer mehr Siedlungen gebaut. «Man tut so, als gebe es dort keine Araber, ganz nach der Losung von 1948: „Ein Volk ohne Land für ein Land ohne Volk“». Grosser ist sich sicher, dass die eigentliche Politik von Avigdor Liebermann darin besteht, eine «araberfreie» Westbank zu bekommen: «Was für die arabisch-muslimische Bevölkerung bleibt, ist größte Not.» Gerade die Aufteilung des Wassers werde immer weniger besprochen und bleibe dabei immer noch grausam. Und doch schwebt ihm eine Lösung vor, eine schmerzhafte für Israel freilich: «Israel muss aufhören, ein jüdischer Staat zu sein. Es muss ein weltlicher Staat werden, wo alle Bürger gleich sind, wo alle Bürger dieselben Rechte haben, zu dem alle Juden freien Zugang haben.» Es kämen jedoch ohnehin immer weniger Juden nach Israel. Unter den Menschen, die er nicht liebe, nehme Elie Wiesel einen besonderen Platz ein. Ausgerechnet ihn, der in New York wohne, haben sich Israel als Festredner ausgesucht, um seinen 60. Geburtstag zu feiern. «Der denkt ja überhaupt nicht daran, nach Israel zu gehen.» Das Argument, es müsse doch einen «Fluchtort», für die Juden, geben, wenn sie wieder verfolgt werden sollten, zähle nicht mehr.
«Terror, Terror, Terror»
Was den deutschen Beitrag im Nahen Osten betrifft, betont Alfred Grosser den deutlich spürbaren Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich. Als Horst Köhler im Februar 2005 vor der Knesset gesagt habe, das Erbe des Nationalsozialismus sei, dass die Deutschen überall und zu jeder Zeit für die Menschenrechte eintreten sollten, habe er die Hoffnung gehegt, dass hier auch die Palästinenser als Menschen gelten. Aber dann sei nur vom «Terror der Hamas» die Rede gewesen. Und dann kam die Kanzlerin, Grosser hält kurz inne: «Das fand ich furchtbar.» Er sei für gewöhnlich «sehr für Frau Merkel», aber hier? «Kein Wort über die Palästinenser, nur Terror, Terror, Terror.» Alfred Grosser ist keiner, der das gesellschaftliche System in Frage stellt, in seinem Buch betont er immer wieder seine guten Beziehungen, auch zu konservativen Politikern. Auf französischer Seite gehe man die Frage anders an. So sei François Mitterrand der erste gewesen, der vor der Knesset für die Rechte der Palästinenser eingetreten sei und Nicolas Sarkozy habe 2008 in Jerusalem noch härter gesprochen. Nach vielen Komplimenten und Bezeugungen der Verbundenheit habe dieser ausgesprochen, dass man Territorien austauschen müsse – auf der Grundlage von 1967, was für Israel harte Einschnitte bedeutete.
Er rede in seinem Buch auch über den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels für Saul Friedländer, den er gut kenne und für dessen Buch über den Papst er ein Nachwort geschrieben habe. Während Friedländer selbst in seiner Rede nur vom Leiden der Seinen gesprochen habe, habe sein Laudator Wolfgang Frühwald erklärt, dass sich der Ausgezeichnete auch vom Katholizismus zum Judentum rückbekehrt habe, so sei aus Paulus Saulus geworden. Friedländer sei aber einst auch Mitglied der terroristischen Bewegung in Israel gewesen, heute gehöre der zu «Peace Now». «Es wäre interessant gewesen, wie man vom einen zum anderen kommt.» Was ihn heute störe, sei die Gleichsetzung. In Berlin sei ein Sderot-Platz eingeweiht worden – mit Reden, die in seinen Augen skandalös waren. «Und ich frage seitdem: Wo ist der Gaza-Platz?» Der Vergleich zwischen den Raketen der Hamas und der geplanten Zermalmung der Häuser durch Panzer, Angriffen mit Flugzeugen und dutzenden Typen von Bomben auf tausende Ziele am Tag: wie könne man das vergleichen? In Gaza werde weiterhin gehungert, man bringe junge Leute zur Verzweiflung. Dazu komme, dass man sich freue, wenn die Palästinenser untereinander gewalttätig würden.
«Unvergleichbarkeit» ist für mich ein Wort, |
Zur Person:
Der am 1. Februar 1925 in Frankfurt am Main geborene Publizist, Soziologe und Politikwissenschaftler ist vor allem aufgrund seiner bedeutenden Rolle als Vermittler zwischen seinen beiden Heimatländern Deutschland und Frankreich bekannt. Grossers Vater war Direktor einer Kinderklinik, Sozialdemokrat und Freimaurer. Kurz nach der NS-Machtübertragung 1933 emigrierte die Familie nach Frankreich. Alfred Grosser war während der deutschen Besetzung im Widerstand tätig; studierte später Politikwissenschaft und Germanistik. Von 1955 bis 1992 war er Inhaber des Lehrstuhls am Institut d'études politiques in Paris. Grosser setzte sich direkt nach dem Zweiten Weltkrieg für die Verständigung zwischen Frankreich und Deutschland ein. Von 1948 bis 1967 war er Generalsekretär des «Comité Français d'Échange avec l'Allemagne nouvelle» und seit 1982 Präsident des «Centre d'Information et de recherche de l'Allemagne contemporaine». Für sein Engagement erhielt er zahlreiche Auszeichnungen. Grosser ist Träger des Großen Verdienstkreuzes mit Stern und Schulterband und Grand Officier de la Légion d'Honneur. Regelmäßig tritt er als scharfer Kritiker israelischer Regierungspolitik auf, was ihm wiederum harschen Widerspruch einbringt. Als im Jahre 2007 Henryk M. Broder den Ludwig-Börne-Preis in der Frankfurter Paulskirche erhielt, sprach Grosser in Hinblick sowohl auf den Preisträger als auch auf den Laudator, den «Focus»-Chefredakteur Helmut Markwort, von einer «Beleidigung des Humanismus». |
«Sie müssen sich die Nummer des „Spiegel“ von Anfang September anschauen – so kollektivschuldig habe ich noch nichts gesehen!» – als ich ihn auf seine Ablehnung der Kollektivschuldthese anspreche, wird Alfred Grosser lauter. Er meint die Ausgabe mit dem Titel: «Der Krieg der Deutschen – 1939: Als ein Volk die Welt überfiel». Diese Titelseite sei ein Kollektivschuldbekenntnis, wie es noch nicht einmal bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen gemacht worden sei. Man vergesse dabei immer, dass in Deutschland keiner den Krieg gewollt habe. Seine Mitarbeiterin Marlies Steinert habe das bereits in den 1970er Jahren anhand von Gestapo-Berichten nachgewiesen. «Hitler und Goebbels haben noch nach München wütend gegen die allgemeine Freude am Frieden angekämpft.» Und ununterbrochen, sogar bei den großen Siegen, hätten die Leute den Frieden gewollt. «Und dann: „Ein Volk überfällt die Welt“».
Ebenso greift Grosser seit Jahren die Vorstellungen von kollektiver Erinnerung und des «kulturellen Gedächtnisses» an. «So etwas gibt es nicht», sagt er, «Sie können sich nicht an 1945 erinnern, weil Sie da noch nicht geboren waren. Das, was Sie von 1945 wissen, was wir kollektive Erinnerung nennen, ist etwas, was übermittelt wurde. Und das heißt, es hätte auch anders übermittelt sein können. Es hängt also von Geschichtsbüchern, Elternhäusern und Medien ab.» Langsam entdecke man heute die falsche Übermittlung, entlarve die ganzen Mythen, die über Jahrhunderte als authentisch überliefert worden seien und die «kollektive Erinnerung» geprägt hätten. «Aber das ist keine Erinnerung.» Deshalb versuche er gegen das Bild, das die Deutschen von sich haben, anzukämpfen. Selbst im deutsch-französischen Verhältnis seien Stereotype künstlich aufrechterhalten worden. So habe er Jahre lang versucht, das deutsch-französische Jugendwerk davon abzubringen, «idiotische Umfragen» zu machen, denn stereotype Fragen könne man auch nur stereotyp beantworten. Er habe einmal eine Frage hineinbringen lassen: «Glauben Sie, dass ein Deutscher ihres Alters und ihres Berufes dieselben Probleme hat wie Sie?» Da hätten dann alle plötzlich gemeinsam mit «ja» geantwortet.
Auch hier spricht sich Grosser gegen eine Absolutsetzung des Holocaust aus und scheut den Vergleich zu anderen totalitären Regimes nicht. «Ich finde, dass Mao schlimmer war.» Man ziehe immer den Vergleich zwischen Hitler und Stalin, seiner Meinung nach müsse man Mao da mit einbeziehen. Er habe mehr Menschen umgebracht – nur eben sein eigenes Volk. Er spricht sich auch gegen die Unvergleichbarkeit von Auschwitz aus. «„Unvergleichbarkeit“ ist für mich ein Wort, das idiotisch ist, das gibt es nicht. Außer man sagt theologisch, Auschwitz ist einmalig. » «Aber, wenn man nicht vergleicht, kann man es nicht beweisen.» Das ist sein Hauptstreitpunkt mit Elie Wiesel.
Die «Auschwitzkeule»
Alfred Grosser schreckt nicht einmal davor zurück, den Begriff «Auschwitzkeule » zu verwenden, wir bewegen uns auf scheinbar gefährlichem Boden: «Ich bin nicht der erste. Das hat Martin Walser vor mir gemacht und zwar richtig.» Doch wenn Alfred Grosser dies sagt, dann hört es sich trotz seiner bedrohlichen Nähe zur Schmerzgrenze des in Deutschland denkund sagbaren nicht provozierend an. Es dient ihm dazu, anderes Unrecht nicht vergessen zu lassen. «Jedes Mal, wenn ein Deutscher sage: „Sieh mal, die Politik, die Israel macht, ist falsch“, heiße es: „Denk’ an Auschwitz!“». Jahrzehntelang, auch nachdem die Bundesrepublik unabhängig geworden war, habe sich der amerikanische Botschafter wie ein Prokonsul benommen. Und diese Funktion habe inzwischen der israelische Botschafter übernommen.
Die Idee der Kollektivschuld sei bei den Deutschen mehr verankert also sonst wo auf der Welt. Auch als bei der Fußballweltmeisterschaft Deutschland ein schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer gewesen sei, habe man sofort bei ihm angerufen und gefragt, ob das nicht furchtbar sei. «Ich fand das wunderbar, das waren doch die Farben von 1848 – und ganz ohne Nationalismus.» In Deutschland jedoch sei sofort wieder einmal die Furcht aufgekeimt, angeklagt zu werden.
Distanz zwischen sich und seine verschiedenen Zugehörigkeiten bringen, das ist Alfred Grosser in Anlehnung an seinen philosophischen Vater Emanuel Lévinas wichtig. Daher rührt auch seine Ablehnung jedweder Form von Kollektivität. Jedes Mal, wenn jemand glaube, er habe nur eine Zugehörigkeit, werde man intolerant, begründet auch Grosser seinen Appell an die Souveränität des Individuums. Deswegen betone er immer wieder, dass sein Vater Professor an der Universität, Kinderarzt, Klinikleiter, Freimaurer und eben auch Jude gewesen sei. Hitler jedoch habe gesagt: «Du bist nur Jude». «Warum soll ich mich von Hitler definieren lassen?». Alfred Grosser lehnt seine jüdische Herkunft nicht ab, wehrt sich aber bis heute gegen die zugeschriebene Identität als Jude: «Ich war nicht gegen Hitler – Hitler war gegen mich. Ich hatte keine Wahl.» Fritz Erler habe die Wahl gehabt, Wilhelm Leuschner habe die Wahl gehabt. «Die waren nicht wegen des gegen sie gerichteten Antisemitismus gegen Hitler, sondern weil er Menschen verachtete.» Also müsse die Konsequenz aus dem «Dritten Reich» eine generelle Ablehnung von Menschenverachtung, Rassendiskriminierung und Überheblichkeit sein.
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Alfred Grosser: Von Auschwitz nach Jerusalem. Über Deutschland und Israel. Rowohlt 2009, 208 Seiten, 16,50 Euro |
Ich halte Alfred Grosser vor, dass seine Position es nicht zulässt, ihn in eine Richtung einzusortieren. Positiv ausgedrückt lässt er sich auch von der palästinensischen Seite nicht vereinnahmen, was ihm auch hier bei den Hardlinern ebenso Feindschaften einbringt wie auf jüdischer Seite. Negativ gesagt stellt er sich auch nicht bedingungslos hinter die Palästinenser. Alfred Grosser nickt, erhebt aber doch Einspruch: «Außer natürlich im Krieg. Im Zweiten Weltkrieg war ich gegen Hitler, im Algerienkrieg war ich gegen die Generäle. Bis zum Kriegsende ist man natürlich auf einer Seite. Danach nicht mehr.» Im Namen des Prinzips, dass es keine Kollektivschuld gibt, habe er auch die Arbeit nach 1945 begonnen. Dass man 1933 angefangen habe, Menschen aus der Gesellschaft auszuschließen und Geschäfte zu plündern, das trage dabei natürlich zur Verantwortung der Deutschen bei.
Ein «atheistischer Humanist»
Alfred Grosser hat sich wiederholt als «atheistischen Humanisten» bezeichnet. Wie sieht das Weltbild eines solchen aus, möchte ich wissen. «Dass es Menschen gibt», sagt er, lacht und kommt sofort wieder auf Israel zu sprechen. Dort gebe es viele Atheisten. «Wie können die sich auf die Bibel beziehen, an die sie nicht glauben?» Man muss den Anderen ihm Rahmen seiner eigenen Prinzipen als ebenbürtig anerkennen. An sich beruht das Judentum auf Universalismus. Doch der droht immer mehr zu verschwinden. Denn sonst würde man die Araber als ebenbürtig anerkennen. Aber man verachte sie. In den letzten zwanzig Jahren lege man in Israel im Schulunterricht immer mehr Wert auf die Zugehörigkeit zum Judentum und die Schoa. «Jetzt wird ja überall in der Welt versucht, einen eigenen Holocaust-Unterricht einzurichten. Aber kein Kommunistenführer braucht zu fürchten, dass es Unterricht über Stalin gibt.»
Am Ende seines Buches verleiht er vage der Hoffnung auf den «Fortschritt der warmen Vernunft» Ausdruck. «Vernunft allein genügt nicht, aber ohne Vernunft geht es nicht», sagt Alfred Grosser und bezahlt unseren Kaffee.