Dezember 2009


1. Dezember 1935

Woody Allen 

Allen Stewart Konigsberg – so heißt Woody Allen mit bürgerlichem Namen. Man könnte Woody Allen allerdings auch einfach mit drei bzw. einem Buchstaben bezeichnen: «ich» oder, Englisch, «I». Denn wo Woody Allen ist, da geht es nun mal hauptsächlich um – Woody Allen. Und in seinen Filmen und Büchern und Theaterstücken geht es auch immer um – Woody Allen, oder zumindest um die Woody-Allen-Welt. Denn die Charaktere der Filme und Stücke sind seit Jahrzehnten immer schon in dieses Wort eingetütet, das nie von Allens Seite weicht: Neurotiker. Das jetzt als Egozentrismus zu verteufeln, täte dem Beobachter keinen Gefallen. Muss man doch eher vom Neurozentrismus sprechen und von Allens Ego auf das Allgemeine blicken. Dann bekommt sein Werk sogar einen sozialen Aspekt. So geht Allen denn auch die ganz großen Themen ganz ungezwungen an und schafft es, ihnen ihre Schwere zu nehmen, in dem er selbst als Clown die theatralischen Stränge bricht. Im 1975 veröffentlichten Film «Love and Death» («Die letzte Nacht des Boris Gruschenko») zeigt sich dies sehr aufschlussreich. Nicht eine dramatisiert schwere Liebe und ein dunkler Tod sind dort visualisiert, sondern die ironischen Varianten derselben. In solchen Momenten hat Allens filmische Begabung katalytische Wirkung auf den Zuschauer, wirkt sozusagen als befreiende Psychoanalyse. Auch für die sexuell Verwirrten setzt sich Woody Allen gerne ein. Schon 1972 ließ er in «Was Sie schon immer über Sex wissen wollten, aber bisher nicht zu fragen wagten» eine der eigenartigsten Liebesgeschichten auf Leinwand bannen. Anders jedenfalls kann man die Beziehung zwischen Gene Wilder, der einen Arzt spielt, und dem Schaf Daisy nicht bezeichnen. Und auch aktuell lässt sich Allen nicht davon abhalten, sich zumindest in Sachen Roman Polanski für dessen Straffreiheit einzusetzen. Das ist zumindest so fragwürdig wie die Beziehung zwischen Wilder und dem Schaf. Doch in sporadischen Aktionen zeigt Allen, dass auch er sich im moralisch einwandfreien Raum für Gutes einsetzen kann. So hat er unter anderem Utensilien aus alten Filmen verkauft, um das Geld an Aids- und Brustkrebsstiftungen zu spenden. Da spielte es keine Rolle, dass Allen den Grund für den Verkauf im ihm mangelnden Raum für die Stücke ausmachte.


1. Dezember 1970

Sarah Kate Silverman 

«Ich werde immer vorgestellt als „Sarah Silverman, jüdische Komikerin". Ich hasse das! Ich wünschte, die Menschen würde mich als das ansehen, was ich wirklich bin – ich bin weiß!» Ja, Sarah Silverman ist nicht nur schön und jüdisch – sie ist wirklich witzig. Und das schafft sie in Teilen dadurch, dass sie Vorurteile disloziert und damit das Abstruse der eigentlichen Aussage in den Fokus bringt. Aber die Schwester einer feministischen Rabbinerin ist sogar mehr als witzig. Denn der leicht daherkommende Sarkasmus Silvermans hat positive Absichten. Platt gesagt: Silverman möchte mit ihrer Art nicht nur die Menschen unterhalten, sie will auch die Menschen zur Verwirklichung einer besseren Welt auffordern. Im Jahr 2008 hat sie vielleicht sogar zum Wahlsieg des US-Präsidenten Barack Obama beigetragen. Denn vor der Wahl startete sie ihr Projekt «The Great Schlep». Ziel war es, junge Juden dazu zu bewegen, ihre Eltern und Großeltern in Florida zur Wahl Obamas zu bringen. Der Begriff «Schlep» kommt vom jiddischen Verb «shlepn», auf Deutsch «schleppen». Bedenkt man, dass Obama den Staat Florida mit etwa 240.000 Stimmen gewann und es in Florida 750.000 Juden gibt wovon 77 Prozent Obama gewählt haben, dann hat das «große Schleppen» vielleicht wirklich seinen Teil zu seinem Erfolg beigetragen. Das Projekt, das Silverman sich in diesem Jahr in den Kopf gesetzt hat, ist der Verkauf des Vatikans. Silverman erklärt ihr Ansinnen in einem «YouTube»-Spot: Ihr sei in letzter Zeit aufgefallen, dass es viele Werbespots im Fernsehen gibt, in denen abgemagerte, kranke Menschen zu sehen sind. Und, wie sich herausgestellt habe, sei das so, weil die Menschen Hunger haben. Weil nun sie, Sarah Silverman, einen «Super HD»-Fernseher besitzt, sehe es so aus, als seien die Menschen aus den Fernsehspots direkt in ihrem Apartment – und das findet Silverman gar nicht gut. Was kann sie tun, damit die abgemagerten Menschen aus ihrem Wohnzimmer verschwinden? Ganz einfach: Sie muss nur den Hunger auf der Welt beenden und schon ist alles wieder in Ordnung. Und was ist der beste Weg dahin? «Sell the Vatican, Feed the World.» Also den Vatikan verkaufen und die Welt ernähren. Als Helden, so hat es sich Silverman zurecht gelegt, gäbe es doch keinen besseren als der Papst und der sei eh alleinstehend, also solle er endlich aus dem Haus ausziehen – das sogar ein eigener Staat ist. Ein positiver Aspekt für den Vatikan wäre natürlich, dass seine Verwicklung in den Holocaust zur Nebensächlichkeit verkommen würde. Aber den eigentlichen Lohn, den Silverman dem Papst in Aussicht stellt ist, dann wieder jene zur absichtlichen Missdeutung freigegebene dislozierte Aussage, die ihren Charme und Witz ausmachen: «You get all the pussy». Es ist subtil und brachial gleichermaßen wie Silverman einem reichen, asexuellen Mann vorschlägt, dass er durch Abgabe des Reichtums eben Sexualität als Belohung bekommt. Natürlich sagt sie nach einer kleinen Pause, dass «pussy» halt das sei, was sich der Papst darunter vorstellen wolle. Von solch großen Aktionen abgesehen steht Silverman vielen jungen Menschen bei, indem sie Schamgrenzen fallen lässt, um den Kreis der Normalität zu weiten. Offen spricht sie über ihren lebenslangen Kampf mit Depressionen und über ihre Teenagerzeit als sie mit Bettnässerei zu kämpfen hatte. Über die eigene Person lachen zu können ist ebenfalls eine platte Alltagsfloskel, schön, wenn jemand wie Sarah Silverman ihr noch ein wenig Witz verleihen kann: «Du musst über dich selbst lachen können. Das ist, was ich den Asiaten die ganze Zeit sage.»


15. Dezember 1928

Friedensreich Hundertwasser

Wer auf dem Uelzener Bahnhof die gleiche Freude empfindet wie auf der öffentlichen Toilette in Kawakawa (Neuseeland), der ist entweder prinzipiell ein fröhlicher Mensch oder er mag die architektonischen Leistungen des Österreichers Friedensreich Hundertwasser, der als Friedrich Stowasser geboren wurde. Für den Laien zeichnen sich die Hundertwasser-Gebäude und Werke durch Buntheit und Krummheit aus. Doch es hieße, den Künstler Hundertwasser vollkommen zu unterschätzen, wenn die Buntheit und Krummheit nur zu einem gewissen Amüsement dienten und darüber hinaus keinen Effekt hätten. Denn Buntheit und Krummheit Hundertwassers sind künstlerischer Ausdruck und politisches Statement gleichermaßen. In der Schrift «Los von Loos» zeigt sich dies deutlich. «Auch Hitler hat es gut gemeint», schreibt er da und meint mithin auch Hitlers Namensvetter Adolf Loos. Der hatte mit seinem architektonischen Werk eine Generation geprägt, war von einer verschnörkelten zu einer schnörkellosen Welt übergegangen. «Ornament und Verbrechen» hieß Loos’ programmatische Schrift, die für den Gebäudebau und mithin die Lebenswelt der Menschen eine klare Funktionalität forderte. Die Form folgte bei Loos der Funktion. Eine Sicht, die für Hundertwasser nicht erträglich war. Ob die funktionalisierte Gebäudestruktur oder der funktional gleichgeschaltete Staat: Gegen das Gerade, das Angepasste, hat sich Hundertwasser Zeit seines Lebens gewandt. «Auf dem Glatten rutscht alles aus. Auch der liebe Gott fällt hin. Denn die gerade Linie ist gottlos», sinnierte Hundertwasser. In allem Uniformierten, Glatten sah Hundertwasser subtile diktatorische Strukturen sich Bahn brechen. Mit diesem Blick war er schon als junger Mensch Ende der 1950er Jahre seiner Zeit weit voraus. Er provozierte mit Reden, die er nackt hielt, mit Schriften und Aussagen, die erst von der Generation der 68er in Teilen aufgenommen wurden und politisch erst mit den Grünen Parteien in Europa durchschlagende Kraft gewannen. Seine Werke stehen für das Gastrecht des Menschen in der Natur, die Pflicht zur Bewahrung der Umwelt, für Empfindsamkeit, Verantwortung und Vielfältigkeit der Erscheinungen. Wenn nur jeder Bewohner seine Parzelle im Wohnblock bemalte, die Welt sähe bunter und lebenswerter aus, meinte Hundertwasser. Diese Forderung war allerdings nicht in dem Sinne gemeint, dass die Welt diktatorisch bunt anzustreichen sei. Dem Einzelnen sollte laut Hundertwasser die Gelegenheit gegeben werden, seine Umwelt selbst zu gestalten – wenn gewollt, dann auch kitschig. Hauptsache war ihm, dass der Mensch nicht in seinen tristen und menschenunwürdigen Wohnkästen dahinvegetiert. Hundertwasser wusste, dass seine Worte und Werke neben Zustimmung auch Ablehnung und Spott, Hohn und Verleumdung auf sich ziehen würden. Er sprach selbst davon, nur Binsenwahrheiten zu verkünden. Doch eben diese Binsenwahrheiten wollte er nicht gering geschätzt wissen. Er sah sich in dieser Position gleich der Wissenschaftlerin Käthe Seidel, die ihr Leben lang für biologische Kläranlagen mit Hilfe der Wasser reinigenden Kraft der Flechtbinse kämpfte und deswegen als «Binsen-Käthe» verspottet wurde. Heute stehen auf der ganzen Welt Werke des im Jahr 2000 verstorbenen Friedensreich Hundertwasser: vom Haus der «McDonald’s Kinderhilfe» in Essen über den «Spiralfluss Trinkbrunnen II» in Tel Aviv bis hin zum «Kids Plaza» in Osaka – ganz abgesehen von den zahlreichen Bildern in den Museen dieser Welt und den «Kleinen Stowassern» in den Taschen der Lateinschüler. Alle sind schön, bunt, krumm und eine Aussage gegen die Eintönigkeit einer rein funktionierenden Welt.


16. Dezember 1963

Bärbel Schäfer

46 Jahre alt wird Bärbel Schäfer in diesem Monat und sieben Jahre ist es her, dass Schäfer nicht mehr die Talkshow unter ihrem Namen moderiert, die sie in Deutschland bekannt machte. Heute sind es nur noch Schauspieler, die in den rar gewordenen Talkshows fingierte Probleme durch Lautstärke zu lösen versuchen. Zu Schäfers Zeit konnte man vermuten, dass vielleicht noch einige Menschen wirkliche Probleme in der Sendung zur Sprache brachten. «Helptainment» heißt das schmuddelige TV-Genre heute im Medienjargon. Und Bärbel Schäfer ist ein Pionier dieses Fachs. Fortgesetzt hat sie das im Jahr 2006 noch in ihrer Sendungen «Ich will zurück ins Leben!» auf RTL2. Seitdem fällt bei Schäfer der Wortversatz «-tainment» weg. Geblieben ist nur noch das «help». Bärbel Schäfers Welt ist nicht mehr das Geschrei des Mittags. Sie ist älter geworden, 2004 zum Judentum konvertiert, hat spät zwei Kinder bekommen (heute vier und ein Jahr alt) und Michel Friedman nach jüdischem Ritus 2004 in New York geheiratet. Das allein ist schon eine beachtliche Entwicklung. Fast nebenbei hat sie zudem mit Susanne Luerweg zwei Romane geschrieben und gemeinsam mit Monika Schuck drei Sachbücher. Alle Werke, von «Wer, wenn nicht er» bis «Das Glücksgeheimnis: Paare erzählen vom Gelingen ihrer Liebe», kann man unter dem Rubrum «Hilfe» zusammenfassen. Vielleicht ist der Drang Schäfers, anderen zu helfen, auch immer ein wenig Selbsthilfe. Schließlich gab es in ihrem Leben zwei Situationen, bei denen jeder es verstanden hätte, wenn sie sich für immer aus der Öffentlichkeit verabschiedet und mithin selbst den Anspruch auf Hilfe gestellt hätte. 1998 starb ihr Lebensgefährte Kay Degenhard bei einem Unfall, 2003 versank ihr Partner Michel Friedman in einer Kokain- und Prostitutionsaffäre. Doch Schäfer ist in der Öffentlichkeit geblieben. Heute moderiert sie nur noch selten im Fernsehen, sie beschränkt sich hauptsächlich auf Radiosendungen. In der Freizeit engagiert sich Bärbel Schäfer umtriebig in Hilfsorganisationen, wie dem Bremer «Trauerland», dessen maßgebliche Förderin sie ist. Dort wird Kindern, die einen oder beide Elternteile durch Krankheit oder Unfall verloren haben, die Möglichkeit gegeben, ihre Trauer zu bewältigen. Ferner ist sie aktiv bei «Amnesty International» und setzt sich bei «borderline-europe» für «Menschenrechte ohne Grenzen» ein. Israel unterstützt Schäfer durch ihre Mitgliedschaft und Tätigkeit bei der «Women’s International Zionist Organisation», die sich mit Projekten für Kinder, Frauen und ältere Menschen in Israel einsetzt, ungeachtet derer Religion oder Nationalität.


25. Dezember

Jesus von Narareth

Jeschua, dem deutschsprachigen Leser besser unter «Jesus» bekannt, wurde wahrscheinlich nicht genau am 25. Dezember des Jahres Null geboren. Natürlich. Der Gregorianische Kalender wurde erst im 16. Jahrhundert unter dem Namensgebenden Papst Gregor XIII. eingeführt und deswegen ist es schwer, ein genaues Datum von Jesus Geburt zu bestimmen. Mehr noch ist es deswegen schwer, weil keine Dokumente die Geburt genau bezeugen. Auch vom Leben Jesu weiß man aus historisch-wissenschaftlicher Sicht wenig, fast gar nichts. Die Evangelien berichten zwar ausführlich von Jesus’ Leben, aber sie widersprechen sich gegenseitig und sind dem Namen nach «Frohe Botschaften» und als solche keine deskriptiven, historisch verbürgten Berichte. Wir wissen, dass Jeschua irgendwann in der Herrschaftszeit Herodes’ (73 v.u.Z. bis 4 v.u.Z.)geboren worden sein soll, wahrscheinlich um 6 v.u.Z. Sein Wirken als jüdischer Wanderprediger soll dann im Jahr 28 n.u.Z. begonnen und etwa ein bis drei Jahre gedauert haben. Hätte Jesus zu dieser Zeit einen Ausweis besessen, dann hätte darin vermutlich folgendes gestanden: «unverheiratet und ohne festen Wohnsitz». Das, was er predigte, war seinerzeit beachtlich und hat zu einer der größten geistigen Revolutionen der Menschheitsgeschichte geführt. Jesus wuchs zwischen den religiösen Gruppen der aristokratisch-konservativen, für den Tempelkult verantwortlichen Sadduzäer, den streng asketisch lebenden Essenern und den in der Religionsausübung weniger strengen, volksverbundenen Pharisäern auf. Religionswissenschaftler bezeichnen Jesus selbst als pharisäischen Wanderrabbi. Er gehörte auch zu jenen, die, angesichts der damals herrschenden Endzeitstimmung, das Kommen Gottes und die Apokalypse nahe wähnten. Ein wichtiger Unterschied zwischen Jesus und den meisten seiner jüdischen Zeitgenossen lag in der Vorstellung über das «Gottesgericht». Während viele Zeitgenossen meinten, dass nur wer ein Leben lang die Ge- und Verbote befolgt, Gottes Gnade erlangen werde, lag Jesus’ Priorität im Gedanken der Umkehr. Umkehr sollte in seinem Sinn als Umdenken verstanden werden; es sollte die Möglichkeit geben, sich in letzter Minute noch auf das Heilsangebot Gottes einzulassen. Die Grundzüge der Evangelien weisen in ebendiese Richtung: Es «wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren» (Lukas 15, 7). In Jesus’ Predigten kehrten sich auch die Machtverhältnisse am «Ende der Tage» um. Die Armen, Hungernden, Weinenden und Verachteten wurden gepriesen und ihr Leid sollte, so meinte Jesus, beim Anbruch der Gottesherrschaft in Freude verwandelt werden. Dieses Bild, so steht es zumindest im sogenannten «Neuen Testament», stieß bei den meisten jüdischen Schriftgelehrten der Zeit Jesus’ auf wenig Zustimmung. Dafür wurde seine Botschaft bei den Außenseitern der Gesellschaft positiv aufgenommen. Dass aus Lehre und Leben Jesus’ eine Massenbewegung und eine geistige Zeitenwende wurden, mag verwundern. Jüdische Wissenschaftler wie Gershom Scholem und Martin Buber haben darauf hingewiesen, dass Jesus als Jude durchaus in seine Zeit passte und dass das Verständnis der Heidenchristen auf einer mangelnden Kenntnis des Judentums beruhte. So oder so, Jesus’ Gedanke der Umkehr wie auch die Einbeziehung der gesellschaftlich Randständigen haben vor allem in westlichen Ländern sozialpolitische Wirkung hinterlassen.


25. Dezember 1870

Helena Rubenstein

Folgendes Gespräch soll Helena Rubinstein in Israel mit der Ex-Ministerpräsidentin Golda Meir geführt haben. Meir: «Madame Rubinstein, was halten Sie von unserem Land?» Rubinstein: «Wenn ich beabsichtige, hier eine Fabrik und ein Museum zu errichten, muss ich wohl sehr viel davon halten.» Meir: «Was von beidem erachten Sie für wichtiger?» Rubinstein: «Die Fabrik.» Meir: «Das denke ich auch.» Das Gespräch drückt nicht nur die Vernunft zweier resoluter Frauen aus, es zeigt auch eine gewisse Ambiguität von Helena Rubinstein. Wollte sie die Fabrik bauen, um ihren beträchtlichen Reichtum noch zu mehren? Oder wollte sie es tun, um den Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen? Und war der Bau des Museums nur Teil eines Deals oder auch Wunsch Rubinsteins? Zwischen harter Arbeit, Sparsamkeit (oder Geiz?) und Großzügigkeit steht Helena Rubinstein als Matriarchin ihres selbst geschaffenen Imperiums. Nach ihrem Tod im Jahr 1965 hinterließ die 95-jährige gebürtige polnische Jüdin 14 Fabriken, 32 Schönheitssalons, 100 Firmen-Gesellschaften mit 30.000 Beschäftigten auf fünf Kontinenten. Ihrem treuen Diener, der sie 30 Jahre ihres Lebens begleitet hatte, hinterließ sie eine Leibrente von 500 Dollar jährlich. Auf den Markt ging sie am Samstagnachmittag, wenn die Reste zu Jubelpreisen verhökert wurden und wenn einer ihrer Gäste sein Lammkotelett nicht ganz aufaß, nahm sie sich seinen Teller und verspeiste den Rest. Wahrscheinlich wäre die nur 1,45 Meter große «Madame», wie sie ihre Angestellten zu nennen pflegten, nicht zur größten Geschäftsfrau ihrer Zeit geworden (so das «Life Magazine»), wenn sie nicht die eigenartige Spannung von großzügigem Mäzenatentum und eisenharter Sparerin in sich verkörpert hätte. Oder, um es im Thema ihres Lebenswerks, also der Kosmetik, bildlich auszudrücken: Ziel ihres obersten Gebotes, nämlich des Dreischritts von Reinigen, Klären und Pflegen, war die oberflächliche Schönheit. Die jedoch für Rubinstein nicht als Mittel der Verführung, sondern als «notwendige Ausrüstung zum Kampf» galt. Ihre Kosmetik sollte den modernen «Amazonen» den Mut verleihen, «ihren neuen sozialen Pflichten entgegenzutreten». So versteht es sich auch, dass Rubinstein den Unterschied zwischen Badezimmer und Galaball verkörperte und lebte. Neben der harten Arbeit im Labor, die sie förderte und selbst betrieb wie kaum ein anderer in der Kosmetikbranche, stand die großzügige Zurschaustellung der Schönheit als Produkt eben dieser Arbeit. Und so war es Voraussetzung, dass sie ein straff geführtes Unternehmen in siebzig Jahren harter Arbeit erschuf, dass unter ihrer Leitung die wasserfeste Wimperntusche, der Mascara-Drehstift, die Wimpern verlängernde Tusche, die erste Feuchtigkeitscreme und die erste straffende Pflegecreme entstanden, um 1953 die Helena-Rubinstein-Foundation zu gründen, die vor allem Kindern und Frauen zugutekam und- kommt; um in Tel Aviv den Helena-Rubinstein-Pavillon für Zeitgenössische Kunst zu stiften; um Reise- und Studienstipendien für israelische Künstler auszusetzen; um Gäste und Mitarbeiter mit Juwelen zu beschenken und um Gemälde für Wohltätigkeitszwecke auszuleihen. Vielleicht hat ihr zweiter Ehemann, der 25 Jahre jüngere Prinz Artchil Gourielli-Techkonia, diesen Charakter passend in einen Satz zusammengefasst: «My wife is a very rich, very clever Jewish Hausfrau!»


von Stefan Daniel

«Jüdische Zeitung», Dezember 2009