Sommer, Sonne, Gaskammern

 

Reproduktion: Brandes & Apel

Die Gedenkstätte Auschwitz als Touristenattraktion wird in einem neuen Buch und einem filmischen Festivalbeitrag beleuchtet

 

Die polnischen Tourismusunternehmen werben für Rundfahrten durch Polen mit festgelegten Programmpunkten, darunter dem Besuch der wunderschönen Altstädte von Krakau und Warschau, einem entspannten Nachmittag an der polnischen Ostsee, einer Dampferfahrt auf der Maurischen Seenplatte… und einem kurzen Abstecher ins KZ Auschwitz. Polen ist längst ein beliebtes Urlaubsziel geworden, besonders Deutsche fahren gerne in ihr Nachbarland. Rund 15,7 Millionen Touristen besuchten das Land im Jahr 2007 und viele von ihnen unternahmen einen Tagestrip in das Vernichtungslager Auschwitz- Birkenau.

Die Massen strömen in das KZ Auschwitz, wenige Stunden später stehen sie wieder davor: viele von ihnen plaudern, lachen und kaufen sich Souvenirs. Eine Szene die unwirklich erscheint, aber Realität ist. Immer mehr Menschen besuchen die Gedenkstätte nicht um sich das Grauen der Geschichte bewusst zu machen und im Stillen zu gedenken. Sie kommen aus Sensationslust, sie wollen bestürzt sein, vielleicht sogar weinen. Kaum verlassen sie das Vernichtungslager fällt diese Bestürzung wieder von ihnen ab und das Feriengefühl kehrt zurück. Der Gedenkdiener Richard Bachinger nennt diese Touren «Einmal Hölle und zurück, bitte».

 

Auch in dem erst vor wenigen Wochen erschienenen Buch «Lass uns über Auschwitz sprechen» beklagt der Besucher Guillaume Carle Renoux: «Vieles, was ich sah, empfand ich als merkwürdig und dem Ort nicht angemessen. Ich sah Touristen in Shorts und Hemden und Familien, die am Eingang zum ehemaligen Konzentrationslager Fotos machten.» Er könne nicht verstehen wie man «Auschwitz als Attraktion betrachten kann». Einige Besucher geben auch den Gedenkstättenbetreibern eine Mitschuld am Holocausttourismus. Sie bemängeln, dass das Konzentrationslager nicht mehr als ein solches erlebt wird, sondern eher als Museum. Amir, ein Besucher aus Israel, meint: «Es ist eine Schande, dass es ein Museum ist, und noch nicht einmal ein gutes. Wir gingen von Block zu Block und es war so: große Fototafeln mit hübschen Überschriften. Das hat mir überhaupt nichts gegeben.» Die Ausstellungsmacher würden versuchen das Lager hübsch zu präsentieren, dies führe allerdings zu einem Realitätsverlust, der es den Besuchern schwer mache, etwas zu fühlen.

«Draußen vor dem Museum sahen wir Souvenirläden mit Auschwitz-Büchern, Andenken und Erfrischungsgetränken und einen Hot-Dog-Stand. Fast alles sah so unecht aus, wie Plastik. Ich hatte das Gefühl, ich wäre in Disney Land und nicht in einem Todeslager. Das hat mir richtig wehgetan.» Besuche in Birkenau beschreiben die Besucher hingegen als eindringlicher und echter, hier werden die Touristen, die zuvor noch lachten, stumm, weil sie dort das ganze Ausmaß des Genozid begreifen.

 

Tourismus nach dem Genozid

 

Auch der Film «Am Ende kommen Touristen», eine 23/5 Filmproduktion von Britta Knöller und Hans-Christian Schmid, die als deutscher Beitrag beim Filmfestival 2007 in Cannes lief, widmet sich dem Problem. Er erzählt die Geschichte des Berliners Sven, der eher unfreiwillig seinen Zivildienst in der Gedenkstätte Auschwitz leistet. Er soll sich um den Holocaustüberlebenden Krzeminski kümmern, der aber nicht versteht, warum ihm jemand einen Pfleger zugewiesen hat. Sven fährt Krzeminski zu Zeitzeugengesprächen und hilft ihm in seinem Alltag. Mittels seiner Arbeit bekommt er einen Einblick in den zum Teil wenig respektvollen Umgang mit den Zeitzeugen und in das alltägliche Leben der Stadt Oswiecim. Die Produktion zeigt einen anderen Blickwinkel auf Auschwitz, jenseits von Krieg und Massenmord, eine kurze Momentaufnahme im Hier und Jetzt ohne dabei jedoch die Geschichte außer Acht zu lassen. Regisseur Robert Thalheim hinterfragt die Motive der Gedenkstättenbesucher und fasst somit ebenso das Thema des Holocausttourismus auf.

Das Desinteresse am Holocaust und seinen Opfern demonstriert insbesondere eine Szene des Films, in der Lehrlinge einer deutschen Firma, die in Oswiecim tätig ist, bei einem Zeitzeugengespräch mit Krzeminski abwesend dasitzen, bis einer ihn nach seiner eintätowierten Häftlingsnummer fragt. Plötzlich steigt das Interesse und alle warten gespannt. Krzeminski krempelt langsam seinen Hemdsärmel hoch. Die Jugendlichen reagieren enttäuscht: Die Nummer sei ja kaum noch zu sehen. Krzeminski reagiert trocken: er habe sich «die Nummer nicht erneuern lassen». Die Initiatorin dieser Begegnung kommt dann nur noch kurz vorbei, entschuldigt ihre Abwesenheit, drückt ihm beiläufig einen Umschlag in die Hand und verschwindet auch gleich wieder. Dann steht Krzeminski allein in der großen Fabrik und niemand würdigt ihn eines Blickes.

Auch ohne direkt darauf hinzuweisen wird im Film der Holocausttourismus thematisiert, wobei keinerlei Wertung der Geschehnisse vorgenommen wird. In scheinbar bedeutungslosen Szenen ist im Hintergrund die «Touristenattraktion Auschwitz» zu sehen. Etwa wenn Hauptdarsteller Sven sich mit Ania, einer Mitarbeiterin der Gedenkstätte, unterhält und hinter ihnen ein Stand aufgebaut ist, an dem man Postkarten des Lagers kaufen kann.

 

Der Film wirft die Frage auf, inwieweit es ratsam ist die Gedenkstätte Auschwitz als festen Bestandteil in ein Programm für Touristen aufzunehmen, die eigentlich nur einen entspannten Urlaub machen wollen und ohne jegliche Vor- oder Nachbereitung das KZ besuchen. Oder auch: Ist es richtig Schul- und Lehrlingsgruppen zu einem Besuch oder einem Zeitzeugengespräch zu drängen, wenn dies alles auf Desinteresse stößt und keine Wirkung hinterlässt?

 

Der musealen Wirkung des Konzentrationslagers entgegenzuwirken ist nicht einfach, da die Zeit den Betreibern im Weg steht. Die Gedenkstätte steht heute immer mehr vor der Schwierigkeit, den Menschen ein reales Bild des Holocaust zu vermitteln. Die Gebäude im KZ würden ohne Restaurierung verrotten, das geht jedoch auf Kosten der Authentizität. Auch die Begegnungen mit Zeitzeugen auf dem ehemaligen Lagergelände gestalten sich zusehends schwieriger, da die Überlebenden inzwischen entweder tot oder so alt sind, dass sie die Belastungen eines solchen Gesprächs nicht aushalten.

 

Die Stadt Oswiecim

 

Auch die Bewohner der Stadt nahe dem Lager kommen im neuen Auschwitz-Buch aus dem Verlag Brandes & Apsel zu Wort. Sie erzählen, dass sie ein ganz normales Kleinstadtleben führen, Leute von außerhalb das jedoch nicht glauben und verstehen können. Bei jeder Passkontrolle werden sie auf ihre Heimatstadt angesprochen, wobei den Kontrolleuren regelmäßig die Gesichtszüge entgleisen. Oft wird ihnen die Frage gestellt, wie man direkt neben dem Lager wohnen könne. Was diese Menschen übersehen ist, dass die Stadt über 800 Jahre alt ist und viele Familien seit Generationen dort wohnen: Erst kam Oswiecim, dann Auschwitz. Die Menschen wohnen nicht neben dem Lager, das Lager wurde neben ihre Stadt gebaut. Oswiecim selbst hat kaum Vorteile vom Holocausttourismus, vielmehr wird das Leben der Bewohner eingeschränkt. Bei Staatsbesuchen werden die Straßen der 46.000-Einwohnerstadt gesperrt. Auch alltägliche Einrichtungen, wie der Bau eines Supermarktes und einer Diskothek im Stadtgebiet - keinesfalls auf ehemaligen Lagergelände oder dicht daneben geplant - lösen weltweit Diskussionen aus. Ein normales Kleinstadtleben werden die Einwohner von Oswiecim wohl nie führen können, aber sie scheinen sich damit abgefunden zu haben. Alexander Nitka wohnt in Oswiecim und wird tagtäglich mit dem KZ konfrontiert, einige Besucher der Stadt verstehen nicht warum die Einwohner nicht wegziehen. Nitka hat seine eigene Antwort gefunden: «Ist es, wenn man hier bleibt, nicht gerade ein Symbol des Sieges über die Infrastruktur des Todes?»

 

Franziska Schmidt

 

 

«Jüdische Zeitung», August 2009