Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() Gestörte SchlafstundenVersuch einer multinationalen Identitätsfindung an der Berliner Schaubühne
Schwarze Plastikstühle im Halbkreis. Mehr nicht. Kein Bühnenbild. Keine Ausstattung. Wer israelisches zeitgenössisches Theater kennt, ist einiges gewohnt. Das Publikum der Premiere des «work in progress: Third Generation» von Yael Ronen an der Berliner Schaubühne war es allemal: Die intellektuelle Klientel der jüdischen Gemeinschaft der Stadt gab sich ein Stelldichein: Schauspielerkollegen, Journalisten, Gemeindevertreter, Botschaftsangehörige. Genauso viele Zuschauer lasen die hebräischsprachigenen Seiten des Programmheftes, wie andere die deutschsprachigen. Was für ein Bühnenbild, welche Dekorationen, sollten es auch sein, wenn ost- und westdeutsche, israelische und muslimisch-palästinensische wie christlich-palästinensische Akteure das Ausmaß der Konflikte ihrer Völker zu erkennen beginnen und für das Heute auszutragen versuchen: Das Bild der schönen altdeutschen Heimat etwa, hinter deren Fassade der Holocaust tobte? Die Bombentrichter in den Städten des israelischen Südens? Ein Flüchtlingslager der Palästinenser im Gaza-Streifen. Wozu? Jeder im Saal kennt diese Bilder. Das Stück konzentriert sich darauf, was dahinter steckt: Emotionen, Konflikte, Aktualitäten - und kommt dabei sehr gut allein mit Mimik und Gestik aus, großer wie kleiner. Das Programmheft offeriert eine «Analyse des Gordischen Knotens». Es ist in Deutsch, Hebräisch, Arabisch und Englisch gedruckt, ebenso wie alle Dialoge gespielt und in der gerade nicht gesprochenen Sprache an die Wand projiziert werden. So könnte jeder, wirklich jeder, dem Geschehen auf der Bühne folgen. Zumindest sprachlich. Gelöst wird der Knoten natürlich nicht. Kann er auch nicht: Das Ensemble spielt eine Begegnung deutscher, israelischer und palästinensischer Jugendlicher nach, wie sie hundertfach immer wieder von Institutionen aller Couleur hierzulande wie ebendort angeboten und von Jugendlichen auch gern angenommen werden. Rührend erinnert eine Szene, bei der die Israelin Ayelet Selbstkomponiertes auf jaulender Gitarre zu Gehör bringt, an Abende bei Lagerfeuer und billigem Wein, wie wir sie alle selbst erlebt haben: auf Machane, einer Rüstzeit oder im Pionierlager. Doch bei diesem «work in progress» wird nicht nur nachgespielt: Das Ensemble hat diese Begegnungen tatsächlich selbst aneinander er- und miteinander durchlebt, ist durch Israel und Deutschland gereist, hat miteinander geredet und geredet, immer wieder. Solche Begegnungen haben es schwer, aus dem Austausch von Klischees herauszutreten. Das braucht Zeit und Vertrauen. Das erste fehlt zumeist. Das zweite wird immer wieder enttäuscht, zumindest scheinbar. Doch gerade in diesen Momenten ist es am größten. Und tut am meisten weh.
«Wie kann man das vergleichen?» Die Inszenierung des «Habimah National Theatre of Israel» benennt unendlich viele dieser Klischees. Und immer, wenn man glauben könnte, jetzt, ja, in diesem Moment, da wird sich eine Lösung finden, kracht wieder alles in sich zusammen. Sie sprechen über das Ghetto - und sie sprechen über den Zaun zum Westjordanland. «Das ist überhaupt nicht zu vergleichen» - so eine Schlüsselszene des Stücks. Sie sprechen über den Tod jüdischer Familien im Holocaust und palästinensischer im Gaza-Konflikt. «Entschuldigung, wie kann man das vergleichen?» Und niemand will etwas gesehen haben: «Wir haben von nichts gewusst!» sagten die Deutschen, damals, als sie doch angeblich die Juden aus der Ferne riechen konnten. Nur ihren millionenfachen Tod in den Öfen der Konzentrationslager nicht. «So, wie die Israelis auch lieber nicht wissen wollen, was in den besetzen Gebieten los ist. Die Regierung baut eine Mauer, damit die Leute später sagen können: 'Wir haben von nichts gewusst!'»… und weiter, und weiter, und weiter im Text: «Es hat keinen Sinn zu vergleichen. Die Deutschen lieben Vergleiche. Die Palästinenser vergleichen. Die Israelis sagen, man soll nicht vergleichen, aber sie tun es immer. Aber das ist überhaupt nicht zu vergleichen.» Das «Muster der gegenseitigen Aufrechnung wird karikiert» war auf «Deutschlandradio Kultur» zu hören, ergänzt von der israelischen Zeitung «Haaretz», die schreibt, dass der Abend dabei niemals Gefahr laufe «die historischen Grausamkeiten zu verharmlosen, obwohl sie oft der Lächerlichkeit preisgegeben werden. Im Gegenteil!».
Niels fragt: «Dürfen wir Deutschen wieder stolz sein?» Auf den Fußball, auf Goethe, einen Porsche? Kann man nicht doch einen Schlussstrich ziehen, um wieder stolz sein zu können? Berlin ist wie ein einziges jüdisches Denkmal. Israelis können machen, was sie wollen, Deutschland muss sich schämen und der Zentralrat der Juden hat sogar die Regierung im Griff». Aua! Kneipengespräche - und nicht mehr? Seine israelischen Mitreisenden teilen nicht weniger aus: gegen die schleimenden Palästinenser mit israelischem Paß, gegeneinander und gegen sich selbst. «Reinigt dieser Kampf vor den Augen der Europäer die deutsch-arische Seele? Ihr bleibt doch trotzdem, was Ihr seid: Nazis!» brüllt Ayelet dem Publikum entgegen. «Hasse ich die Deutschen deshalb, wie man es von mir erwartet?» Schließlich noch die Palästinenser: zwischen Hamas und Fatah. Die Ursprünge des heutigen Selbstverständnisses aller drei Völker liegen in tiefster Vergangenheit. Die Aufarbeitung der letzten Jahre, ausgelöst durch eben jene dritte Generation, macht dieses Selbstverständnis nicht logischer. Im Gegenteil. Die Notwendigkeit, die Ursprünge dieser Identitätsfindung in die heutige Zeit zu transformieren, schmeißt dieses ganze gut gelernte Selbstverständnis nicht selten komplett wieder über den Haufen. Das Ensemble hinterfragt an diesem Abend nicht nur: Man kämpft verzweifelt um die Rechtfertigung von Begriffen und die Begrifflichkeiten selbst: Täter und Opfer, Schuld und Verantwortung, Trennendes und Verbindenden, Tabus und Gelerntes. Nicht nur auf der Bühne, nicht nur in der Öffentlichkeit, sondern auch ganz privat. «Dritte Generation» ist als Koproduktion der Schaubühne, des Habima Theatre und der Ruhr-Triennale 2009 im Auftrag des Theaters der Welt 2008 in Halle uraufgeführt worden. Nach einer zweiten Recherchephase von Yael Ronen und einer Probenphase des Ensembles in Tel Aviv und Berlin kam nun eine deutlich veränderte und erweiterte Fassung an die Berliner Schaubühne. Der Bruch aller nur denkbaren Tabus, «satirisch auf die Spitze getrieben«» und sich «im Lachen befreiend», wird dort nochmals vom
Dienstag, dem 28. September bis Sonntag, dem 4. Oktober 2009
zu sehen sein. Ich prophezeie dem Stück jede Art von Kommentar: von strikter Ablehnung durch die Kulturoffiziellen der einen oder anderen Nation bis zum Beifallklatschen aus der rechten Szene Deutschlands. Doch ob nun befreiend für den einen oder nur verdrängend für den anderen: Man kann «nicht immer alles weglachen», erklärt Akteur Niels im Prolog des Stückes, der noch sehr belacht werden wird. Bis einem dasselbe im tiefsten Halse stecken bleibt, ganz ganz unten.
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