Fundsache

Igal Avidan hat mit "Israel. Ein Staat sucht sich selbst" den Versuch unternommen, das verworrene Spannungsgeflecht in dem Nahost-Land zu beschreiben. Avidan thematisiert in dem 2008 erschienenen Buch in sieben Kapiteln die (weiterhin) aktuellen Kernkonflikte des Staates Israel. Ausführlich beleuchtet er dabei die Auswirkungen des "Kaiserschnitts" (O-Ton Avidan) – der gewaltsamen Staatsgründung 1948 und der Schaffung des palästinensischen Flüchtlingsproblems. Die Lösung der Frage nach "Recht oder Rückkehr?" der Flüchtlinge arbeitet Avidan als Schlüssel zum Frieden im Nahen Osten heraus. Der Autor wirft auch einen Blick zurück auf das Jahr 1967: den Beginn der Besatzung der palästinensischen Gebiete des Westjordanlandes und Gazas. Schon damals warnten Stimmen in Israel vor den Konsequenzen der Besatzung. Und so ist der Staat, auf der geografischen "Suche nach sich selbst", ständig damit beschäftigt, seine Landesgrenzen auszuloten und die Sicherheit zu wahren. Auch ohne Frieden. Welche Rolle dabei der umstrittene Trennungszaun spielt, schildert der Autor ebenso, wie die zaghaften Versuche einer Schulbuchinitiative, die Narrative beider Konfliktparteien – Juden und Palästinenser – zu lehren. Kleine Schritte sind das. Denn weiterhin, so Avidan, bestimmt Diskriminierung den Alltag in Israel. Nicht nur zwischen Juden und Arabern. Politische Konflikte und Kulturkämpfe verlaufen zwischen säkularen und religiösen Juden, jüdischen Israelis und Nichtjuden. Ein Kernproblem ist dabei die Selbstdefinition des Staates auf der Suche nach seiner Identität. Israel, das zeigt Avidan, ist ein Land, das sich nicht als Nation oder Volk der "Israelis" begreift, sondern als Land der "Juden".

Trotz der Fülle an aufgezeigten Konfliktlinien hat Avidan kein Geschichtsbuch geschrieben, sondern eine sprachlich sehr anschauliche und viele Zusammenhänge erklärende Mischung aus Reportage und Hintergründen. Avidan greift auf viele persönliche Begegnungen und Recherchen als Israel-Korrespondent für deutsche Medien zurück. Der 47-jährige Israeli, der seit langem in Berlin lebt, beschreibt mal überblickartig, mal lebensnah die Probleme Israels und seiner Menschen. Dabei begeht Avidan nicht den Fehler, seine Protagonisten und deren Umfeld in ein idealistisches oder emotionalisiertes Bild zu tauchen. Seine Beschreibungen und Problemschilderungen wirken glaubhaft.

So erfährt der Leser beispielsweise vom Kampf der Tzvia Grienfeld. Die gläubige Jüdin ist die erste orthodoxe Frau im israelischen Parlament und Vorstandsmitglied der Menschenrechtsorganisation "B’Tselem". Gekonnt verwebt Avidan hier das politische Wirken der Grienfeld mit Informationen über Kulturkämpfe. Als "Orthodoxe mit Schattierungen" (Avidan) bricht sie als Filmliebhaberin und Besitzerin eines Haustiers zwei religiöse Tabus.

In dem – mit 216 Seiten sehr leserfreundlich gehaltenen – Buch begegnet der Leser vielen solchen "Anderen". Dem Krankenpfleger Abu Ka’aden etwa. Der palästinensische Israeli war der Erste, der Anfang des Jahrtausends gerichtlich eine Gleichbehandlung von Arabern und Juden beim Kauf von Grund und Boden in Israel erstritten hatte. Ka’aden wollte in einer jüdischen Siedlung Eigentum erwerben, was ihm mittels fragwürdiger Argumente verwehrt wurde. Den schwierigen Umgang der verschiedenen Bevölkerungsgruppen thematisiert Avidan auch am Beispiel des vor ein paar Jahren aufgekommenen innerisraelischen Antisemitismus. Wie reagiert eine jüdische Mehrheitsgesellschaft auf Judenhass von Seiten junger, schlecht integrierter Einwanderer, die im Herkunftsland Russland als "Juden" galten, es aber in Israel laut Religionsgesetz nicht mehr sind? Auch bei der Schilderung von exemplarischen Konversionsfällen fragt Avidan: Was rechtfertigt das Monopol der jüdischen Orthodoxie über die Bestimmung des Ehestandes und der Religions- bzw. Volkszugehörigkeit?

Avidan spricht in dem kurzweilig geschriebenen Buch eine erstaunliche Vielzahl von Konfliktlinien in der israelischen Gesellschaft an, ohne dabei oberflächlich vorzugehen. In nüchterner Sprache beschreibt er den Staat Israel als eine Gesellschaft im Wandel, immer auf dem schmalen Grat der Demokratie wandelnd. Aus dem eigenen humanistischen Ansatz macht Avidan dabei keinen Hehl. Wenn er etwa fragt, wohin die "zionistische Fortbewegung" in den nächsten Jahrzehnten steuere, klingt das wie ein persönlicher Abgesang auf eine nicht mehr zeitgemäße Ideologie. Gerade diese Position handelt dem Buch ob der anhaltenden Konfliktsituation im Nahen Osten viel Kritik ein. Für die erbitterten Debatten liefert der Text dabei wichtige Hintergrundinformationen und Denkanstöße.

In der illustren Reihe aktueller Israel-Reportagebücher ist "Israel. Ein Staat sucht sich selbst" von Igal Avidan derzeit die präziseste und informativste Darstellung des Spannungsgeflechtes in Israels Gesellschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Unter den Anmerkungen im Anhang findet der Leser zudem wichtige Quellen für weiterführende Lektüre. Ein Schwachpunkt bleibt: Der Text enthält zahlreiche sprachliche Unsauberkeiten und Ausdrucksfehler. Ein gründlicheres Lektorat hätte dem Buch gutgetan.

Eik Dödtmann

«Jüdische Zeitung», März 2009