Personen Meinung Deutschland Hauptstadtseite Israel Weltgeschehen Bei uns zu Gast Aus den Gemeinden Vermischtes Porträt Kultur Bücher Geschichte Wissenschaft und Bildung Diaspora Interreligiöser Dialog Judentum Heute Religion und Tradition Reise Personenkalender Jugend Medien Leserkommentare![]() ![]() | ![]() «Nordisches Negergemisch»Hörbuch-Tipp
Der Roman teilt das Schicksal vieler im Exil entstandener Werke: 1938 in Amsterdam im Querido-Verlag erschienen, war «Manja » von Anna Gmeyner über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten. Umso bedauerlicher ist dies, weil die Autorin, 1902 in Wien geboren und 1991 in England gestorben, in betörend schönem Deutsch schreibt. Sie versorgt ihre Leser mit immer neuen Bildern, Farben und Vergleichen, die Wörter singen und klingen, doch eine romantische Geschichte erzählen sie nicht. Manja, gleich ihren vier Freunden 1920 in Deutschland geboren, ist ein ostjüdisches Mädchen und gezeichnet wie mit dem Pinsel von Chagall, eines der anmutigsten Wesen der deutschen Literatur - es wird sich das Leben nehmen im Jahr 1934. Die fünf Kinder im Mittelpunkt des Romans entstammen fünf Familien unterschiedlicher Herkunft. Anna Gmeyner beschreibt das proletarische Milieu so stilsicher wie das liberale Bürgertum oder kleinbürgerliche Enge. In feinen Abstufungen skizziert die Autorin am Beispiel dieser Familien, wie sich die ungeliebte Weimarer Republik in ein totalitäres Regime verwandelt. All das erzählt sie in lyrischem Ton, der heute faszinierend fremd klingt, und dennoch nichts beschönigt. Dieser Sprache gelingt es, hinter dem staatlich geförderten Antisemitismus der Jahre um 1933 bereits die Fratze des absoluten Vernichtungswillens der Wannsee-Konferenz des Jahres 1942 aufscheinen zu lassen. Dabei verlässt sich Anna Gmeyner nicht allein auf ihre künstlerische Intuition, sondern greift zurück auf Zeugnisse, die den so absurden wie verhängnisvollen Wahnsinn des Rassismus deutscher Provenienz erkennbar werden lassen, wie ein Dialog zwischen einem der vier Jungen und Manja belegt: «Rassenschande», sagte Heini, wegwerfend. «Mein Vater sagt, das ist alles Geschwätz.» «Aber wenn wir Kinder haben, werden sie krummbeinig und idiotisch », erwiderte sie leise. «Ich bin ein...» Sie zögerte einen Augenblick und sagte dann wie ein gelerntes Gedicht mit der Ehrfurcht, die die Kette der feierlichen Worte ihr einflößte, «ein vorderasiatisch-orientalisch, ostbaltisches, innerasiatisches, nordisch-hamitisches Negergemisch. » Heini lachte, aber Manja beharrte ernst. «Wirklich, Heini, es steht in den Büchern und alle sagen es.» Es steht in dem Buch «Rassenkunde des deutschen Volkes» von Dr. Hans Friedrich Karl Günther, seit 1922 in mehreren Auflagen im Lehmanns-Verlag München erschienen, auf Seite 453: «Das jüdische Volk, nun so gekennzeichnet durch eine orientalisch-vorderasiatisch-nordischhamitisch- negerische Rassenmischung.» Seit 1935 war Günther ordentlicher Professor für Rassenkunde an der Universität Berlin, er gilt als einer der wichtigsten Rassentheoretiker der Nazis. «Entnazifiziert» wurde Günther als Mitläufer, die Universität Freiburg kam zu dem Ergebnis, Günther habe sich in seiner Rassenkunde in Grenzen gehalten, die auch von Gelehrten dieses Zweiges moderner Wissenschaft in anderen Staaten eingehalten würden. 1951 veröffentlichte Günther das Buch «Gattenwahl », wer die Kombination Günther/Gattenwahl einer Internet-Suchmaschine anvertraut, gerät in den aktuellen tiefbraunen Sumpf. Der Schoß ist fruchtbar noch... Ein Kleinverlag hatte 1984 das Wagnis auf sich genommen, das so berührend schöne wie verstörende Buch von Anna Gmeyner neu zu produzieren; mit der Stimme von Iris Berben liegt der Roman seit vergangenem Jahr auch als hoch gelobtes Hörbuch vor, das in der Kategorie «Beste Interpretin» für den Deutschen Hörbuchpreis 2008 nominiert wurde. 5.500 Exemplare des gedruckten Buches konnten seit 1984 bislang verkauft werden, für einen kleinen Verlag ohne jede Werbung ohne Zweifel ein Erfolg. Angesichts seiner Qualität würde man dem Buch dennoch eine noch größere Verbreitung wünschen. Karl-Josef Müller
Manja. Ein Roman um fünf Kinder, erschienen im Persona Verlag,406 Seiten, 22 Euro. Anna Gmeyner: «Manja», gelesen von Iris Berben. Kassette mit zwölf CDs, Produktion Hörkultur Medien, 64,90 Euro.
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