Israel

Näher am Feind

Von Eik Dödtmann

Israels Luftwaffe rückt dem Iran geo grafisch näher. In seinen Vorbereitungen für einen möglichen Luftschlag gegen Irans Atomanlagen hat Israel nun Hilfe vom autokratischen Regime Aserbaidschans erhalten. Israel, das berichtete das Politmagazin «Foreign Policy» Ende März in einem Artikel des US-amerikanischen Nahostexperten Mark Perry, könne demnach auf Militärflughäfen von Irans nördlichem Anrainerstaat zurückgreifen. Zwar sei nichts schriftlich fixiert worden, so «Foreign Policy», doch die Sachlage lasse diese Rückschlüsse zu.

Zwischen Jerusalem und Baku existieren seit Längerem enge und geheime militärpolitische Kontakte. So liefert Israel moderne Waffensysteme in das von der OSZE mit einem Waffenembargo belegte Aserbaidschan. US-Offizielle zeigen sich besorgt über die neue Konstellation im Kalten Krieg zwischen Israel und Iran. In «Foreign Policy» bezeichnet ein ehemaliger CIA-Analyst Israels Absicht, aserbaidschanische Flugplätze zu nutzen, als «Ausweitung des Konflikts» in den Kaukasus und als «extrem gefährlich».

Die in «Foreign Policy» veröffentlichten Hintergründe zur israelisch-aserbaidschanischen Kooperation kommen nicht überraschend. Schon im Jahr 2009 berichtete ein leitender Mitarbeiter der US-Botschaft in Baku in einem geheimen Papier über «Aserbaidschans geheime Symbiose mit Israel». In der Mitteilung, die später über «WikiLeaks» publik wurde, wird Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew zitiert. Dieser habe das Verhältnis seines Landes zu Israel als einen Eisberg bezeichnet: «Neun Zehntel davon liegen unter der Oberfläche.» Aktuell, so glauben Mitarbeiter der US-Regierung, mit denen der «Foreign Policy»-Autor Mark Perry im Zuge seiner Recherche sprach, erhöhten die «verborgenen» Aspekte dieser Allianz das Risiko eines israelischen Militärschlags gegen den Iran.

Laut Perry seien vier einflussreiche Diplomaten und Mitarbeiter des US-Militärgeheimdienstes zu dem Schluss gekommen, dass Israel unlängst Zugang zu aserbaidschanischen Militärflughäfen erhalten habe. Der genaue Zweck sei jedoch unklar. «Die Israelis haben einen Militärflugplatz gekauft», sagte ein hoher US-Regierungsbeamter Anfang Februar, «und der Flugplatz heißt Aserbaidschan».

Israels Luftwaffe würde einen Angriff auf den Iran vermutlich mit Hilfe von F- 15-Kampffliegern und F-16-Bombern durchführen. Die Maschinen müssten für die Strecke nach Iran und zurück etwa 3.500 Kilometer zurücklegen – eine logistisch und militärisch heikle Mission. Je mehr Treibstoff die Flugzeuge mit sich führen, desto weniger Bomben können sie transportieren. Während des Flugs müsste von Versorgungsmaschinen aufgetankt werden. Ein Zwischenstopp in Aserbaidschan – auf dem Rückweg – könnte derartige Probleme lösen. Laut Sam Gardiner, ehemaliger Oberst der US-Luftwaffe, sei etwa der frühere sowjetische Militärflugplatz von Sitalcay, 65 Kilometer nördlich von Baku, perfekt für Israels Luftwaffe geeignet. Und selbst wenn israelische Jets nicht in Aserbaidschan landen sollten, birgt ein Zugang zu dessen Flughäfen viele Vorteile: Hubschrauber- Rettungsteams könnten stationiert werden und israelische Drohnen könnten zum Einsatz über dem Iran gebracht werden.

Das enge Verhältnis zwischen Jerusalem und Baku begann Mitte der 1990er Jahre, als Israels Wirtschaft den Markt des Kaukasusstaates entdeckte. Aserbaidschan wurde zum wichtigen Abnehmer israelischer Produkte, vom Telekommunikationsnetz über Genussmittel bis hin zur Waffentechnik. Israelische Militärtechnologiehersteller halfen bei der Entwicklung von Ausspähungssystemen und dem Bau von Infanteriefahrzeugen. Israelische Firmen sorgten sogar für die Sicherheit des aserbaidschanischen Präsidenten auf dessen Auslandsbesuchen.

Im Februar 2012 besiegelten Israel und Aserbaidschan ein Waffengeschäft über knapp 1,2 Milliarden Euro, bei dem Baku hochentwickelte Drohnen und Raketenabwehrsysteme kaufte. Der Waffendeal erzürnte vor allem den türkischen Premier Recep Erdogan. Die Türkei wirft Israel vor, innerhalb seines Hoheitsgebietes Drohnen einzusetzen, vor allem über dem Nordirak. Israel bestreitet den Vorwurf. Gleichzeitig verschlechtern sich Bakus Beziehungen mit Teheran. Erst vor Kurzem legte die Islamische Republik einen Bericht vor, wonach Aserbaidschan israelische Tötungskommandos gegen iranische Wissenschaftler unterstütze. Baku wies den Vorwurf als «Verleumdung» zurück. Im März wurden in Aserbaidschan wiederum 22 Menschen verhaftet, die der Spionage für den Iran und der Planung von Terroranschlägen angeklagt sind.

Bislang versuchten Offizielle beider Seiten, die engen Kontakte zwischen Baku und Jerusalem herunterzuspielen. Bakus Verteidigungsminister schloss noch Anfang des Jahres eine Unterstützung bei einem Militärschlag gegen den Iran aus. Das Landen in Aserbaidschan sei der israelischen Luftwaffe jedoch offiziell nicht untersagt, gibt Analyst Mark Perry zu bedenken. Israels früherer stellvertretender Verteidigungsminister Ephraim Sneh nahm die enge Zusammenarbeit seines Landes mit Aserbaidschan im Jahr 2010 in Schutz und bezeichnete es sogar als «Symbol für Fortschritt und Moderne» in der Kaukasusregion. Kritische Beobachter sehen das anders. «Aserbaidschan ist eine brutale, von einer Familie geführte Kleptokratie und eines der korruptesten Regime auf der Welt», meinte etwa ein Ex-US-Diplomat gegenüber Perry. Auch die US-Botschaft in Baku kam 2009 zu dieser Einschätzung: Alijew, Sohn des Ex-KGB-Generals und langjährigen Regenten Heydar Alijew, sei eine «mafiöse Gestalt».

Ein Militärschlag Israels vor den nächsten US-Wahlen im November wird von Beobachtern weithin ausgeschlossen. Dennoch scheinen die Vorbereitungen weit gediehen. Erst im Juli 2010 testete Israels Luftwaffe bei einer Militärübung in Rumänien den Einsatz über bergigem Gelände. Über 100 Maschinen überflogen als Teil der Übung auch Griechenland. Der Test löste Kritik in den USA aus. NATO-Staaten sollen nicht im Zusammenhang mit dem Kalten Krieg gegen den Iran gesehen werden. Nun also die aserbaidschanische Verbindung. «Wir beobachten den Iran genau», sagt ein USOffizieller gegenüber Perry, «aber jetzt beobachten wir, was Israel in Aserbaidschan tut. Und wir sind nicht glücklich darüber.»